In Bulemanns Haus

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Theodor Storm: In Bulemanns Haus (1852)

1
Das ist die zierliche Kleine,
2
Die geht auf ihren Pantöffelein
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Behend und mutterseelen allein
4
Durch die Gassen im Mondenscheine.

5
Sie geht in ein alt verfallenes Haus;
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Im Flur ist die Tafel gedecket,
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Da tanzt vor dem Monde die Maus mit der Maus,
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Da setzt sich das Kind mit den Mäusen zu Schmaus,
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Die Tellerlein werden gelecket.

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Und leer sind die Schüsseln; die Mäuslein im Nu
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Verrascheln in Mauer und Holze;
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Nun läßt es dem Mägdlein auch länger nicht Ruh,
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Sie schüttelt ihr Kleidchen, sie schnürt sich die Schuh,
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Dann tritt sie einher mit Stolze.

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Es leuchtet ein Spiegel aus goldnem Gestell,
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Da schaut sie hinein mit Lachen;
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Gleich schaut auch heraus ein Mägdelein hell,
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Das ist ihr einziger Spielgesell;
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Nun woll'n sie sich lustig machen.

20
Sie nickt voll Huld, ihr gehört ja das Reich;
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Da neigt sich das Spiegelkindlein,
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Da neigt sich das Kind vor dem Spiegel zugleich,
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Da neigen sich beide gar anmuthreich,
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Da lächeln die rosigen Mündlein.

25
Und wie sie lächeln, so liebt sich der Fuß,
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Es rauschen die seidenen Röcklein,
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Die Händchen werfen sich Kuß um Kuß,
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Das Kind mit dem Kinde nun tanzen muß,
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Es tanzen im Nacken die Löcklein.

30
Der Mond scheint voller und voller herein,
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Auf dem Estrich gaukeln die Flimmer;
32
Im Takte schweben die Mägdelein,
33
Bald tauchen sie tief in die Schatten hinein,
34
Bald stehn sie in bläulichem Schimmer.

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Nun sinken die Glieder, nun halten sie an,
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Und athmen aus Herzens Grunde;
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Sie nahen sich schüchtern, und beugen sich dann,
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Und knien vor einander, und rühren sich an
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Mit dem zarten unschuldigen Munde.

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Doch müde werden die beiden allein
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Von all' der heimlichen Wonne;
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Sehnsüchtig flüstert das Mägdelein:
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„ich mag nicht mehr tanzen im Mondenschein,
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Ach, käme doch endlich die Sonne!“

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Sie klettert hinunter ein Trepplein schief,
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Und schleicht hinab in den Garten.
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Die Sonne schlief und die Grille schlief:
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„hier will ich sitzen im Grase tief,
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Und der Sonne will ich warten.“

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Doch als nun Morgens um Busch und Gestein
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Verhuschet das Dämmergemunkel,
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Da werden dem Kinde die Aeugelein klein;
53
Sie tanzte zu lange bei Mondenschein,
54
Nun schläft sie bei Sonnengefunkel.

55
Nun liegt sie zwischen den Blumen dicht
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Auf grünem, blitzendem Rasen;
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Und es schauen ihr in das süße Gesicht
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Die Nachtigall und das Sonnenlicht
59
Und die kleinen neugierigen Hasen.

(Storm, Theodor: Gedichte. Kiel, 1852.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Theodor Storm
(18171888)

* 14.09.1817 in Husum, † 04.07.1888 in Hanerau-Hademarschen

männlich, geb. Storm

natürliche Todesursache | Magenkarzinom

deutscher Schriftsteller und Jurist

(Aus: Wikidata.org)

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