Mährchen

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Ludwig Uhland: Mährchen (1815)

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Ihr habt gehört die Kunde
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Vom Fräulein, welches tief
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In eines Waldes Grunde
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Manch hundert Jahre schlief.
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Den Namen der Wunderbaren
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Vernahmt ihr aber nie,
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Ich hab’ ihn jüngst erfahren:
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Die deutsche Poesie.

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Zwo mächt’ge Feen nahten
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Dem schönen Fürstenkind,
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An seine Wiege traten
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Sie mit dem Angebind.
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Die Erste sprach behende:
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„ja, lächle nur auf mich!
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Ich gebe dir frühes Ende
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Von einer Spindel Stich.“

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Die Andre sprach dagegen:
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„ja, lächle nur auf mich!
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Ich gebe dir meinen Segen,
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Der heilt den Todesstich;
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Der wird dich so bewahren,
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Daß süßer Schlaf dich deckt,
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Bis nach vierhundert Jahren
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Ein Königssohn dich weckt.“

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Da ward in’s Reich erlassen
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Ein feierlich Gebot,
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Verkündet in allen Straßen,
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Der Tod darauf gedroht:
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Wo Jemand Spindeln hätte,
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Die sollte man liefern ein,
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Und sie an offner Stätte
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Verbrennen insgemein.

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Nicht nach gewohnter Sitte
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Erzog man dieses Kind
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In dumpfer Kammern Mitte,
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Noch sonst wo Spindeln sind;
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Nein, in den Rosengärten,
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In Wäldern, frisch und kühl,
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Mit lustigen Gefährten,
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Bei freiem, kühnem Spiel.

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Und als es kam zu Jahren,
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Ward es die schönste Frau,
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Mit langen, goldnen Haaren,
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Mit Augen dunkelblau;
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In Gang, Gebärde züchtig,
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In Reden treu und schlicht,
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In aller Arbeit tüchtig,
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Nur mit der Spindel nicht.

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Viel stolze Ritter gingen
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Der Holden Dienste nach,
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Heinrich von Ofterdingen,
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Wolfram von Eschenbach.
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Sie gingen in Stahl und Eisen,
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Goldharfen in der Hand;
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Die Fürstin war zu preisen,
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Die solche Diener fand.

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Mit Degen und mit Speere
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Waren sie stets bereit,
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Den Frauen gaben sie Ehre,
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Und sangen widerstreit.
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Sie sangen von Gottesminne,
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Von kühner Helden Muth,
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Von lindem Liebessinne,
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Von süßer Maienbluth.

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Von alter Städte Mauern
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Der Wiederhall erklang,
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Die Bürger und die Bauern
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Erhuben frischen Sang.
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Der Senne hat gesungen,
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Der über den Wolken wacht,
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Ein Lied ist aufgeklungen
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Tief aus des Bergmanns Schacht.

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In einer Mainacht blinkten
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Die Sterne wunderschön,
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Der Fürstin war, als winkten
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Sie ihr zu Thurmes Höhn.
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Sie stieg hinauf zum Dache,
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Die Zarte ganz allein,
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Da fiel aus einem Gemache
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Ein trüber Lampenschein.

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Ein Weiblein, grau von Haaren,
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Dort an dem Rocken spann,
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Sie hatte wohl nichts erfahren
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Vom strengen Spindelbann.
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Die Fürstin, die noch nimmer
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Gesehen solche Kunst,
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Sie trat in Weibleins Zimmer:
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„wer bist du, mit Vergunst?“

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„man nennt mich, schönes Liebchen!
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Die Stubenpoesie;
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Denn aus dem trauten Stübchen
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Verirrt’ ich mich noch nie.
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Ich sitz’ am lieben Platze
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Beim Rocken, wandellos,
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Meine alte, blinde Katze,
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Die spinnt auf meinem Schooß.

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Lange lange Lehrgedichte,
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Die spinn’ ich recht mit Fleiß,
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Flächsene Heldengedichte,
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Die haspl’ ich schnellerweis’.
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Mein Kater maut Tragödie,
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Mein Rad hat lyrischen Schwung,
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Meine Spindel spielt Komödie
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Mit Tanzbelustigung.“

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Die Fürstin thät erbleichen,
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Als man von Spindeln sprach,
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Sie wollte flugs entweichen,
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Die Spindel sprang ihr nach;
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Und an der morschen Schwelle,
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Da fiel das Fräulein jach,
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Die Spindel auf der Stelle
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Sie in die Ferse stach.

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Was war das für ein Schrecken,
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Als man sie Morgens traf!
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Sie war nicht mehr zu wecken,
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Sie schlief den Zauberschlaf.
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Ein Lager ward bereitet
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Im hohen Rittersaal,
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Goldstoffe drauf gebreitet
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Und Rosen ohne Zahl.

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So schlief sie in der Halle,
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Die Fürstin, reich geschmückt.
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Bald hatte die Andern alle
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Der gleiche Schlaf berückt.
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Die Sänger, schon in Träumen,
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Rührten die Saiten bang,
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Bis in des Schlosses Räumen
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Der letzte Laut verklang.

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Die Alte spann noch immer
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Im stillen Kämmerlein,
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Es woben in jedem Zimmer
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Die Spinnen, groß und klein,
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Die Hecken und Ranken woben
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Sich um den Fürstenbau,
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Und um den Himmel oben,
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Da spann sich Nebelgrau. —

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Wohl nach vierhundert Jahren,
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Da ritt des Königs Sohn
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Mit seinen Jägerschaaren
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In’s Waldgebirg davon:
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„was ragen doch da innen,
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Ob all dem hohen Wald,
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Für graue Thürm’ und Zinnen
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Von seltsamer Gestalt?“

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Am Wege stund gerade
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Ein alter Spindelmann:
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„erlauchter Prinz, um Gnade!
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Hört meine Warnung an!
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Romantische Menschenfresser
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Hausen auf jenem Schloß,
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Die mit barbarischem Messer
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Abschlachten Klein und Groß.“

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Der Königssohn verwegen
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Thät mit drei Jägern ziehn,
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Sie hieben mit den Degen
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Sich Bahn zum Schlosse hin.
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Gesenket war die Brücke,
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Geöffnet war das Thor,
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Daraus im Augenblicke
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Ein Hirschlein sprang hervor.

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Denn in des Hofes Räumen,
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Da war es wieder Wald,
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Da sangen in den Bäumen
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Die Vögel manigfalt.
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Die Jäger ohn’ Verweilen,
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Sie drangen muthig hin,
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Wo eine Thür mit Säulen
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Aus dem Gebüsch erschien.

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Zween Riesen schlafend lagen
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Wohl vor dem Säulenthor,
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Sie hielten, in’s Kreuz geschlagen,
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Die Hellebarden vor,
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Darüber rüstig schritten
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Die Jäger allzumal,
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Sie gingen mit kecken Tritten
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Zu einem großen Saal.

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Da lehnten in hohen Nischen
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Geschmückter Frauen viel,
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Gewappnete Ritter dazwischen
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Mit goldnem Saitenspiel.
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Hochmächtige Gestalten,
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Geschloßnen Auges, stumm;
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Grabbildern gleich zu halten
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Aus grauem Alterthum.

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Und mitten ward erblicket
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Ein Lager, reich von Gold,
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Da ruhte, wohlgeschmücket,
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Eine Jungfrau wunderhold.
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Die Süße war umfangen
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Mit frischen Rosen dicht,
191
Und auch von Mund und Wangen
192
Schien zartes Rosenlicht.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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