Die verlorene Kirche

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Ludwig Uhland: Die verlorene Kirche (1815)

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Man höret oft im fernen Wald
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Von obenher ein dumpfes Läuten,
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Doch Niemand weiß, von wann es hallt,
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Und kaum die Sage kann es deuten.
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Von der verlornen Kirche soll
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Der Klang ertönen mit den Winden;
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Einst war der Pfad von Wallern voll,
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Nun weiß ihn Keiner mehr zu finden.

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Jüngst ging ich in dem Walde weit,
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Wo kein betretner Steig sich dehnet,
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Aus der Verderbniß dieser Zeit
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Hatt’ ich zu Gott mich hingesehnet.
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Wo in der Wildniß Alles schwieg,
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Vernahm ich das Geläute wieder,
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Je höher meine Sehnsucht stieg,
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Je näher, voller klang es nieder.

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Mein Geist war so in sich gekehrt,
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Mein Sinn vom Klange hingenommen,
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Daß mir es immer unerklärt,
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Wie ich so hoch hinauf gekommen.
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Mir schien es mehr denn hundert Jahr’,
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Daß ich so hingeträumet hätte:
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Als über Nebeln, sonneklar,
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Sich öffnet’ eine freie Stätte.

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Der Himmel war so dunkelblau,
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Die Sonne war so voll und glühend,
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Und eines Münsters stolzer Bau
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Stand in dem goldnen Lichte blühend.
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Mir dünkten helle Wolken ihn,
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Gleich Fittigen, emporzuheben,
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Und seines Thurmes Spitze schien
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Im sel’gen Himmel zu verschweben.

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Der Glocke wonnevoller Klang
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Ertönte schütternd in dem Thurme,
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Doch zog nicht Menschenhand den Strang,
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Sie ward bewegt von heil’gem Sturme.
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Mir war’s, derselbe Sturm und Strom
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Hätt’ an mein klopfend Herz geschlagen,
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So trat ich in den hohen Dom
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Mit schwankem Schritt und freud’gem Zagen.

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Wie mir in jenen Hallen war,
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Das kann ich nicht mit Worten schildern.
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Die Fenster glühten dunkelklar
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Mit aller Märtrer frommen Bildern;
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Dann sah ich, wundersam erhellt,
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Das Bild zum Leben sich erweitern,
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Ich sah hinaus in eine Welt
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Von heil’gen Frauen, Gottesstreitern.

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Ich kniete nieder am Altar,
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Von Lieb’ und Andacht ganz durchstralet.
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Hoch oben an der Decke war
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Des Himmels Glorie gemalet;
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Doch als ich wieder sah empor,
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Da war gesprengt der Kuppel Bogen,
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Geöffnet war des Himmels Thor
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Und jede Hülle weggezogen.

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Was ich für Herrlichkeit geschaut
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Mit still anbetendem Erstaunen,
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Was ich gehört für sel’gen Laut,
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Als Orgel mehr und als Posaunen:
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Das steht nicht in der Worte Macht,
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Doch wer darnach sich treulich sehnet,
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Der nehme des Geläutes Acht,
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Das in dem Walde dumpf ertönet!

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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