Von den sieben Zechbrüdern

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Ludwig Uhland: Von den sieben Zechbrüdern (1815)

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Ich kenne sieben lust’ge Brüder,
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Sie sind die durstigsten im Ort,
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Die schwuren höchlich, niemals wieder
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Zu nennen ein gewisses Wort,
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In keinerlei Weise,
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Nicht laut und nicht leise.

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Es ist das gute Wörtlein:
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Darin doch sonst kein Arges steckt.
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Wie kömmt’s nun, daß die wilden Prasser
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Dies schlichte Wort so mächtig schreckt?
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Merkt auf! ich berichte
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Die Wundergeschichte.

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Einst hörten jene durst’gen Sieben
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Von einem fremden Zechkumpan,
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Es sey am Waldgebirge drüben
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Ein neues Wirthshaus aufgethan,
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Da fließen so reine,
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So würzige Weine.

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Um einer guten Predigt willen
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Hätt’ Keiner sich vom Platz bewegt,
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Doch gilt es, Gläser gut zu füllen,
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Dann sind die Bursche gleich erregt.
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„auf, lasset uns wandern!“
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Ruft Einer dem Andern.

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Sie wandern rüstig mit dem Frühen,
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Bald steigt die Sonne drückend heiß;
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Die Zunge lechzt, die Lippen glühen
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Und von der Stirne rinnt der Schweiß:
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Da rieselt so helle
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Vom Felsen die Quelle.

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Wie trinken sie in vollen Zügen!
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Doch als sie kaum den Durst gestillt,
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Bezeugen sie ihr Mißvergnügen,
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Daß hier nicht Wein, nur Wasser, quillt:
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„o fades Getränke!
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O ärmliche Schwenke!“

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In seine vielverwobnen Gänge
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Nimmt jetzt der Wald die Pilger auf,
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Da stehn sie plötzlich im Gedränge,
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Verworrnes Dickicht hemmt den Lauf;
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Sie irren, sie suchen,
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Sie zanken und fluchen.

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Derweil hat sich in finstre Wetter
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Die schwüle Sonne tief verhüllt,
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Schon rauscht der Regen durch die Blätter,
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Es zuckt der Blitz, der Donner brüllt,
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Dann kömmt es geflossen,
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Unendlich ergossen.

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Bald wird der Forst zu tausend Inseln,
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Zahllose Ströme brechen vor;
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Hier hilft kein Toben, hilft kein Winseln,
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Er muß hindurch, der edle Chor.
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O gründliche Taufe!
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O köstliche Traufe!

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Vor Alters wurden Menschenkinder
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Verwandelt oft in Quell und Fluß,
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Auch unsre sieben arme Sünder
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Bedroht ein gleicher Götterschluß.
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Sie triefen, sie schwellen,
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Als würden sie Quellen.

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So, mehr geschwommen, als gegangen,
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Gelangen sie zum Wald hinaus;
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Doch keine Schenke sehn sie prangen,
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Sie sind auf gradem Weg nach Haus;
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Schon rieselt so helle
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Vom Felsen die Quelle.

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Da ist’s, als ob sie rauschend spreche:
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„willkommen, saubre Brüderschaar!
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Ihr habt geschmähet, thöricht Freche!
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Mein Wasser, das euch labend war.
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Nun seyd ihr getränket,
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Daß ihr daran denket.“

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So kam es, daß die sieben Brüder
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Das Wasser fürchteten hinfort,
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Und daß sie schwuren, niemals wieder
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Zu nennen das verwünschte Wort,
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In keinerlei Weise,
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Nicht laut und nicht leise.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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