Die drei Schlösser

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Ludwig Uhland: Die drei Schlösser (1815)

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Drei Schlösser sind in meinem Gaue,
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Die ich mit Liebe stets beschaue;
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Und ich, der wohlbestellte Sänger,
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Durch Feld und Wald der rasche Gänger,
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Wie sollt’ ich schweigen von den Dreien,
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Die sich dem Gau zum Schmucke reihen?

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Das
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An wenig Trümmern zu erkennen,
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Versunken dort am Waldeshange,
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Sein Name selbst verschollen lange,
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Denn seit nicht mehr die Thürme ragen,
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Verging nach ihm der Wandrer Fragen.
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Doch schreckt dich nicht durch Waldes Dichte
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Der Zweige Schlagen in’s Gesichte:
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Dort, wo des Beiles Schläge fallen,
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Einsame Waldhornklänge hallen,
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Dort kannst du Wundermähr’ erfragen
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Von Mauern, welche nicht mehr ragen.
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Ja! setzest du im Mondenscheine
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Dich auf’s verfallene Gesteine:
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So wird die Kund’, auch unerbeten,
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Dir vor die stille Seele treten.

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Das
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Es scheint ein Schloß, doch ist es keines.
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Du siehst vom hohen Bergesrücken
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Es stolz im Sonnenstrale blicken,
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Mit Thürmen und mit Zinnen prangen,
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Mit tiefem Graben rings umfangen,
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Voll Heldenbilder aller Orte,
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Zween Marmorlöwen an der Pforte:
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Doch drinnen ist es öd’ und stille,
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Im Hofe hohes Gras in Fülle,
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Im Graben quillt das Wasser nimmer,
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Im Haus ist Treppe nicht, noch Zimmer,
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Ringsum die Epheuranken schleichen,
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Zugvögel durch die Fenster streichen.
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Dort saßen mit der goldnen Krone
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Voreinst die Herrscher auf dem Throne,
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Von dortaus zogen einst die Helden,
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Von denen die Geschichten melden.
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Die Herrscher ruhn in Gräberhallen,
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Die Helden sind im Kampf gefallen;
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Verhallet war der Burg Getümmel,
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Da fuhr ein Feuerstral vom Himmel,
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Der reiche Schatz verging in Flammen,
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Gemach und Treppe fiel zusammen.
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Inwendig ward das Schloß verheeret,
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Doch außen blieb es unversehret.
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Sobald erlosch der Edeln Orden,
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Ist auch ihr Haus verödet worden.
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Doch wie noch die Geschichten melden
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Der Herrscher Namen und der Helden:
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So sieht man auch die Thürm’ und Mauern
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Mit ihren Heldenbildern dauern.
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Auch wird noch ferner manch Jahrhundert
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Das hohe Denkmal schaun verwundert
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Und jenes Schloß auf Berges Rücken
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Verklärt im Sonnenstral erblicken.

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Dann zwischen beiden in der Mitte,
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Ein lustig Schlößlein, steht das
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Nicht stolz auf Berges Gipfel oben,
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Doch auf dem Hügel, sanft gehoben;
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Nicht in des Waldes finstern Räumen,
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Doch unter frischen Blüthenbäumen;
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Mit blanken Mauern, rothen Ziegeln,
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Mit Fenstern, die wie Sonnen spiegeln.
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Es ist zu klein für die Geschichte,
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Zu jung für Sagen und Gedichte.
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Doch ich, der wohlbestellte Sänger,
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Durch Feld und Wald der rasche Gänger,
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Ich sorge redlich, daß nicht länger
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Das Schlößlein bleibe sonder Kunde.
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Zur Morgen- und zur Abendstunde
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Umwandl’ ich es mit meiner Laute,
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Und wenn dann Klelia, die Traute,
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An’s Fenster tritt mit holdem Grüßen:
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So will in mir die Hoffnung sprießen,
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Daß eine Kunde, drin Geschichte
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Sich schön verwoben mit Gedichte,
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Daß solche Kunde bald beginne
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Von Klelia’s und Sängers Minne.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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