1. Der Student

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Ludwig Uhland: 1. Der Student (1815)

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Als ich einst bei Salamanka
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Früh in einem Garten saß
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Und bei’m Schlag der Nachtigallen
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Emsig im Homerus las:
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Wie in glänzenden Gewanden
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Helena zur Zinne trat
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Und so herrlich sich erzeigte
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Dem trojanischen Senat,
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Daß vernehmlich Der und Jener
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Brummt’ in seinen grauen Bart:
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„solch ein Weib ward nie gesehen,
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Traun, sie ist von Götterart!“
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Als ich so mich ganz vertiefet,
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Wußt’ ich nicht, wie mir geschah:
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In die Blätter fuhr ein Wehen,
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Daß ich staunend um mich sah.
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Auf benachbartem Balkone,
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Welch ein Wunder schaut’ ich da!
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Dort in glänzenden Gewanden
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Stand ein Weib wie Helena,
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Und ein Graubart ihr zur Seite,
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Der so seltsam freundlich that,
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Daß ich schwören mocht’, er wäre
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Von der Troer hohem Rath.
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Doch ich selbst ward ein Achäer,
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Der ich nun seit jenem Tag
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Vor dem festen Gartenhause,
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Einer neuen Troja, lag.
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Um es unverblümt zu sagen:
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Manche Sommerwoch’ entlang
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Kam ich dorthin jeden Abend
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Mit der Laut’ und mit Gesang,
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Klagt’ in manigfachen Weisen
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Meiner Liebe Qual und Drang,
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Bis zuletzt vom hohen Gitter
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Süße Antwort niederklang.
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Solches Spiel mit Wort und Tönen
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Trieben wir ein halbes Jahr,
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Und auch dies war nur vergönnet
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Weil halbtaub der Vormund war.
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Hub er gleich sich oft vom Lager,
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Schlaflos, eifersüchtig bang,
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Blieben doch ihm unsre Stimmen
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Ungehört, wie Sphärenklang.
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Aber einst, die Nacht war schaurig,
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Sternlos, finster wie das Grab,
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Klang auf das gewohnte Zeichen
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Keine Antwort mir herab.
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Nur ein alt zahnloses Fräulein
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Ward von meiner Stimme wach,
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Nur das alte Fräulein Echo
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Stöhnte meine Klagen nach.
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Meine Schöne war verschwunden,
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Leer die Zimmer, leer der Saal,
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Leer der blumenreiche Garten,
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Rings verödet Berg und Thal.
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Ach! und nie hatt’ ich erfahren
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Ihre Heimath, ihren Stand,
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Weil sie, Beides zu verschweigen,
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Angelobt mit Mund und Hand.
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Da beschloß ich, sie zu suchen,
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Nah und fern, auf irrer Fahrt,
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Den Homerus ließ ich liegen,
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Nun ich selbst Ulysses ward;
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Nahm die Laute zur Gefährtin
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Und vor jeglichem Altan,
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Unter jedem Gitterfenster
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Frag’ ich leis mit Tönen an,
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Sing’ in Stadt und Feld das Liedchen,
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Das im Salamanker Thal
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Jeden Abend ich gesungen
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Meiner Liebsten zum Signal;
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Doch die Antwort, die ersehnte,
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Tönet nimmermehr und ach!
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Nur das alte Fräulein Echo
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Reist zur Qual mir ewig nach.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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