5. Dante

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Ludwig Uhland: 5. Dante (1815)

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War’s ein Thor der Stadt Florenz,
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Oder war’s ein Thor der Himmel,
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Draus am klarsten Frühlingsmorgen
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Zog so festliches Gewimmel?
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Kinder, hold wie Engelschaaren,
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Reich geschmückt mit Blumenkränzen,
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Zogen in das Rosenthal
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Zu den frohen Festestänzen.
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Unter einem Lorbeerbaume
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Stand, damals neunjährig, Dante,
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Der im lieblichsten der Mädchen
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Seinen Engel gleich erkannte.
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Rauschten nicht des Lorbeers Zweige,
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Von der Frühlingsluft erschüttert?
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Klang nicht Dante’s junge Seele,
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Von der Liebe Hauch durchzittert?
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Ja! ihm ist in jener Stunde
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Des Gesanges Quell entsprungen;
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In Sonetten, in Kanzonen
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Ist die Lieb’ ihm früh erklungen.
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Als, zur Jungfrau hold erwachsen,
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Jene wieder ihm begegnet,
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Steht auch seine Dichtung schon
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Wie ein Baum, der Blüthen regnet.
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Aus dem Thore von Florenz
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Zogen dichte Schaaren wieder,
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Aber langsam, trauervoll,
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Bei dem Klange dumpfer Lieder.
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Unter jenem schwarzen Tuch,
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Mit dem weissen Kreutz geschmücket,
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Trägt man Beatricen hin,
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Die der Tod so früh gepflücket.
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Dante saß in seiner Kammer,
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Einsam, still, im Abendlichte,
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Hörte fern die Glocken tönen
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Und verhüllte sein Gesichte.
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In der Wälder tiefste Schatten
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Stieg der edle Sänger nieder,
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Gleich den fernen Todtenglocken
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Tönten fortan seine Lieder.
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Aber in der wildsten Oede,
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Wo er ging mit bangem Stöhnen,
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Kam zu ihm ein Abgesandter
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Von der hingeschiednen Schönen;
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Der ihn führt’ an treuer Hand
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Durch der Hölle tiefste Schluchten,
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Wo sein ird’scher Schmerz verstummte
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Bei dem Anblick der Verfluchten.
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Bald zum sel’gen Licht empor
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Kam er auf den dunkeln Wegen,
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Aus des Paradieses Pforte
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Trat die Freundin ihm entgegen.
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Hoch und höher schwebten Beide
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Durch des Himmels Glanz und Wonnen,
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Sie, aufblickend, ungeblendet,
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Zu der Sonne aller Sonnen;
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Er, die Augen hingewendet
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Nach der Freundin Angesichte,
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Das, verklärt, ihn schauen ließ
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Abglanz von dem ew’gen Lichte.
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Einem göttlichen Gedicht
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Hat er Alles einverleibet,
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Mit so ew’gen Feuerzügen,
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Wie der Blitz in Felsen schreibet.
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Ja! mit Fug wird dieser Sänger
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Als
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Dante, welchem ird’sche Liebe
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Sich zu himmlischer verkläret.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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