3. Der Kastellan von Couci

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Uhland: 3. Der Kastellan von Couci (1815)

1
Wie der Kastellan von Couci
2
Schnell die Hand zum Herzen drückte,
3
Als die Dame von Favel
4
Er zum ersten Mal erblickte!
5
Seit demselben Augenblicke
6
Drang durch alle seine Lieder,
7
Unter allen Weisen stets
8
Jener erste Herzschlag wieder.
9
Aber wenig mocht’ ihm frommen
10
All die süße Liederklage,
11
Nimmer darf er dieses hoffen,
12
Daß sein Herz an ihrem schlage.
13
Wenn sie auch mit zartem Sinn
14
Eines schönen Lieds sich freute,
15
Streng und stille ging sie immer
16
An des stolzen Gatten Seite.
17
Da beschließt der Kastellan,
18
Seine Brust in Stahl zu hüllen
19
Und mit drauf geheft’tem Kreutz
20
Seines Herzens Schlag zu stillen.
21
Als er schon im heil’gen Lande
22
Manchen heißen Tag gestritten,
23
Fährt ein Pfeil durch Kreutz und Panzer,
24
Trifft ihm noch das Herze mitten.
25
„hörst du mich, getreuer Knappe?
26
Wann dies Herz nun ausgeschlagen,
27
Zu der Dame von Fayel
28
Sollt du es hinübertragen!“
29
In geweihter, kühler Erde
30
Wird der edle Leib begraben;
31
Nur das Herz, das müde Herz,
32
Soll noch keine Ruhe haben.
33
Schon in einer goldnen Urne
34
Liegt es, wohl einbalsamiret,
35
Und zu Schiffe steigt der Diener,
36
Der es sorgsam mit sich führet.
37
Stürme brausen, Wogen schlagen,
38
Blitze zucken, Maste splittern,
39
Aengstlich klopfen alle Herzen,
40
Eines nur ist ohne Zittern.
41
Golden stralt die Sonne wieder,
42
Frankreichs Küste glänzet drüben,
43
Freudig schlagen alle Herzen,
44
Eines nur ist still geblieben.
45
Schon im Walde von Fayel
46
Schreitet rasch der Urne Träger,
47
Plötzlich schallt ein lustig Horn
48
Sammt dem Rufe wilder Jäger.
49
Aus den Büschen rauscht ein Hirsch,
50
Dem ein Pfeil im Herzen stecket,
51
Bäumt sich auf und stürzt und liegt
52
Vor dem Knappen hingestrecket.
53
Sieh! der Ritter von Fayel,
54
Der das Wild in’s Herz geschossen,
55
Sprengt heran mit Jagdgefolg
56
Und der Knapp’ ist rings umschlossen.
57
Nach dem blanken Goldgefäß
58
Tasten gleich des Ritters Knechte,
59
Doch der Knappe tritt zurück,
60
Spricht mit vorgehaltner Rechte:
61
„dies ist eines Sängers Herz,
62
Herz von einem frommen Streiter,
63
Herz des Kastellans von Couci,
64
Laßt dies Herz im Frieden weiter!
65
Scheidend hat er mir geboten:
66
Wann dies Herz nun ausgeschlagen,
67
Zu der Dame von Fayel
68
Soll ich es hinübertragen.“
69
„jene Dame kenn’ ich wohl.“
70
Spricht der ritterliche Jäger
71
Und entreißt die goldne Urne
72
Hastig dem erschrocknen Träger,
73
Nimmt sie unter seinen Mantel,
74
Reitet fort in finstrem Grolle,
75
Hält so eng das todte Herz
76
An das heiße, rachevolle.
77
Als er auf sein Schloß gekommen,
78
Müssen sich die Köche schürzen,
79
Müssen gleich den Hirsch bereiten
80
Und ein seltnes Herze würzen.
81
Dann, mit Blumen reich bestecket,
82
Bringt man es auf goldner Schaale,
83
Als der Ritter von Fayel
84
Mit der Dame sitzt am Mahle.
85
Zierlich reicht er es der Schönen,
86
Sprechend mit verliebtem Scherze:
87
„was ich immer mag erjagen,
88
Euch gehört davon das Herze.“
89
Wie die Dame kaum genossen,
90
Hat sie also weinen müssen,
91
Daß sie zu vergehen schien
92
In den heißen Thränengüssen.
93
Doch der Ritter von Fayel
94
Spricht zu ihr mit wildem Lachen:
95
„sagt man doch von Taubenherzen,
96
Daß sie melancholisch machen:
97
Wieviel mehr, geliebte Dame,
98
Das, womit ich Euch bewirthe!
99
Herz des Kastellans von Couci,
100
Der so zärtlich Lieder girrte.“
101
Als der Ritter dies gesprochen,
102
Dieses und noch andres Schlimme,
103
Da erhebt die Dame sich,
104
Spricht mit feierlicher Stimme:
105
„großes Unrecht thatet Ihr,
106
Euer war ich ohne Wanken,
107
Aber solch ein Herz genießen
108
Wendet leichtlich die Gedanken.
109
Manches tritt mir vor die Seele,
110
Was vorlängst die Lieder sangen,
111
Der mir lebend fremd geblieben,
112
Hat als Todter mich befangen.
113
Ja! ich bin dem Tod geweihet,
114
Jedes Mahl ist mir verwehret,
115
Nicht geziemt mir andre Speise
116
Seit mich dieses Herz genähret.
117
Aber Euch wünsch’ ich zum Letzten
118
Milden Spruch des ew’gen Richters.“ —
119
Dieses alles ist geschehen
120
Mit dem Herzen eines Dichters.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.