Der Rosenkranz

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Ludwig Uhland: Der Rosenkranz (1815)

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In des Maies holden Tagen,
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In der Aue Blumenglanz,
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Edle Knappen fechten, jagen
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Um den werthen Rosenkranz.
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Wollen nicht mit leichtem Finger
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Blumen pflücken auf dem Plan,
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Wollen sie, als wackre Ringer,
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Aus der Jungfrau Hand empfahn.

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In der Laube sitzt die Stille,
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Die mit Staunen Jeder sieht,
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Die in solcher Jugendfülle
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Heut zum ersten Male blüht.
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Volle Rosenzweig’ umwanken,
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Als ein Schattenhut, ihr Haupt;
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Reben mit den Blüthenranken
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Halten ihren Leib umlaubt.

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Sieh! im Eisenkleid ein Reiter
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Zieht auf krankem Roß daher,
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Senkt die Lanz’, als müder Streiter,
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Neigt das Haupt, wie schlummerschwer.
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Dürre Wangen, graue Locken;
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Seiner Hand entfiel der Zaum.
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Plötzlich fährt er auf, erschrocken,
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Wie erwacht aus bangem Traum.

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„seyd gegrüßt auf diesen Auen,
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Schönste Jungfrau, edle Herrn!
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Dürfet nicht ob mir ergrauen,
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Eure Spiele schau’ ich gern.
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Gerne möcht’ ich für mein Leben
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Mit euch brechen einen Speer,
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Aber meine Arme beben,
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Meine Kniee wanken sehr.

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Kenne solche Zeitvertreibe,
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Bin bei Lanz’ und Schwerdt ergraut,
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Panzer liegt mir noch am Leibe,
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Wie dem Drachen seine Haut.
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Auf dem Lande Kampf und Wunden,
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Auf dem Meere Wog’ und Sturm;
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Ruhe hab’ ich nie gefunden,
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Als ein Jahr im finstern Thurm.

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Weh! verlorne Tag’ und Nächte!
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Minne hat mich nie beglückt;
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Nie hat dich, du rauhe Rechte!
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Weiche Frauenhand gedrückt.
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Denn noch war dem Erdenthale
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Jene Blumenjungfrau fern,
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Die mir heut zum ersten Male
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Aufgeht, als ein neuer Stern.

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Wehe! könnt’ ich mich verjüngen!
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Lernen wollt’ ich Saitenkunst,
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Minnelieder wollt’ ich singen,
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Werbend um der Süßen Gunst.
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In des Maies holden Tagen,
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In der Aue Blumenglanz,
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Wollt’ ich freudig fechten, jagen,
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Um den werthen Rosenkranz.

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Weh! zu früh bin ich geboren!
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Erst beginnt die goldne Zeit.
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Zorn und Neid hat sich verloren,
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Frühling ewig sich erneut.
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Sie, in ihrer Rosenlaube,
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Wird des Reiches Herrin seyn.
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Ich muß hin zu Nacht und Staube,
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Auf mich fällt der Leichenstein!“

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Als der Alte dies gesprochen,
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Er die bleichen Lippen schloß.
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Seine Augen sind gebrochen,
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Sinken will er von dem Roß.
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Doch die edeln Knappen eilen,
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Legen ihn in’s Grüne hin;
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Ach! kein Balsam kann ihn heilen,
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Keine Stimme wecket ihn.

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Und die Jungfrau niedersteiget
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Aus der Blumenlaube Glanz;
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Traurig sich zum Greise neiget,
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Setzt ihm auf den Rosenkranz:
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„sey des Maienfestes König!
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Keiner hat, was du, gethan.
79
Ob es gleich dir frommet wenig,
80
Blumenkranz dem todten Mann.“

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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