Vorwort

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Ludwig Uhland: Vorwort (1815)

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Lieder sind wir, unser Vater
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Schickt uns in die offne Welt,
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Auf dem kritischen Theater
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Hat er uns zur Schau gestellt.
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Nennt es denn kein frech Erkühnen,
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Leiht uns ein geneigtes Ohr,
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Wenn wir gern vor euch Versammelten
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Ein empfehlend Vorwort stammelten!
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Sprach doch auf den griech’schen Bühnen
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Einst sogar der Frösche Chor.

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Anfangs sind wir fast zu kläglich,
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Strömen endlos Thränen aus,
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Leben dünkt uns zu alltäglich,
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Sterben muß uns Mann und Maus.
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Doch man will von Jugend sagen,
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Die von Leben überschwillt;
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Auch die Rebe weint, die blühende,
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Draus der Wein, der purpurglühende,
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In des reifen Herbstes Tagen,
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Kraft und Freude gebend, quillt.

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Und, bei Seite mit dem Prahlen!
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Andre stehn genug zur Schau,
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Denen heisse Mittagsstralen
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Abgeleckt den Wehmuthsthau.
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Wie bei alten Ritterfesten
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Mit dem Tode zog Hanswurst,
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Also folgen scherzhaft spitzige
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Und, will’s Gott! erträglich witzige.
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Aechtes Leid spaßt oft zum besten,
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Kennt nicht eiteln Thränendurst.

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Lieder sind wir nur, Romanzen,
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Alles nur von leichtem Schlag,
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Wie man’s singen oder tanzen,
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Pfeifen oder klimpern mag.
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Doch vielleicht wer stillem Deuten
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Nachzugehen sich bemüht,
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Ahnt in einzelen Gestaltungen
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Größeren Gedichts Entfaltungen
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Und als Einheit im Zerstreuten
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Unsres Dichters ganz Gemüth.

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Bleibt euch dennoch Manches kleinlich,
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Nehmt’s für Zeichen jener Zeit,
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Die so drückend und so peinlich
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Alles Leben eingeschneit!
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Fehlt das äußre freie Wesen,
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Leicht erkrankt auch das Gedicht;
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Aber nun die hingemoderte
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Freiheit Deutschlands frisch aufloderte,
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Wird zugleich das Lied genesen,
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Kräftig steigen an das Licht.

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Seyen denn auch wir Verkünder
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Einer jüngern Brüderschaar,
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Deren Bau und Wuchs gesünder,
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Höher sey, als unsrer war!
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Dies ist, was wir nicht geloben,
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Nein! vom Himmel nur erflehn.
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Und ihr selbst ja seyd Vernünftige,
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Die im Jetzt erschaun das Künftige,
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Die an junger Saat erproben,
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Wie die Frucht einst wird bestehn.

(Uhland, Ludwig: Gedichte. Stuttgart u. a., 1815.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Uhland
(17871862)

* 26.04.1787 in Tübingen, † 13.11.1862 in Tübingen

männlich, geb. Uhland

deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler und Landtagsabgeordneter

(Aus: Wikidata.org)

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