Die unvollkommene Schönheit

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Johann Georg Gressel: Die unvollkommene Schönheit (1716)

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Ob gleich die Lilien mit stoltzem Silber prangen/
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Sieht man doch manchen Fleck an ihrem
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Der ihrer Wunder-Zier den größten Glantz beraubt/
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Und ihrer Blätter Pracht mit dunckler Nacht behaubt.
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Die Krone/ und die Zier des angenehmen Lentzen/
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Der Blumen Königinn mit ihren Purpur-Kräntzen/
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Prangt zwar im stoltzem Schmuck/ doch weil sie Dornen hegt/
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So kommt es/ daß man offt vor Rosen Abscheu trägt.
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Der blühende
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Das köstliche Gewächs die prächtigen
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Die prangen an dem Strauch/ und blühen mächtig schön/
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Doch ist bey dieser Pracht offtmahls ein Wurm zu sehn.
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Der Seiden reiche Sammt ist nicht ohn’ alle Fehler/
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Der Dafft und theurer Stoff zeigt ungerade Thäler/
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Der schönste Diamant ist nicht von Mackeln rein/
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Den Perlen fehlt etwas bey ihrem klahren Schein.
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Das Auge dieser Welt zeigt auch verschiedne Flecken/
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Die ihm bald hie bald dort das reine Feur bedecken
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Des Monden silber Licht ist nicht von Mängeln rein/
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Die ihm bey seiner Pracht mit eingesämet seyn.
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Ja bey dem Kunst-Gebäu/ den hellen Himmels Bühnen/
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Ist die geschmückte Pracht mit Mangel auch erschienen/
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Indem das Sternen-Heer/ so lustig Wache hält/
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Sich nicht vollkommen schön in seinem Schmuck darstelt.
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Der weisse
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Hegt Mackels mancher Art in seinem stlber Pflaster/
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Rubinen und Schmaragd/ den Türckiß und
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Die findet man befleckt bey ihrer
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Des Meeres Wunder-Wald/ die ästigten Corallen/
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Der Erden Demant-Glaß die klahren Berg-Crystallen/
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Und was von diesen mehr die gantze Ründung hegt/
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Ist nicht gantz schön da es auch Mängels an sich trägt.
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So auch die kleine Welt/ das artige Geschlechte/
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Das in die Banden legt/ und uns heist ihre Knechte/
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Das schöne Jungfern Volck/ der unschätzbahre Schatz/
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Der giebt bey seiner Pracht verschiednen Mängeln Platz.
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Die Haare/ so als Gold/ als lichte Perlen prahlen/
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Die müssen/ ob gleich spaht/ die alte Schuld bezahlen/
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Und sagen/ daß sie nicht von allem Mangel frey/
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Die andern fallen auch derselben Meynung bey.
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Die glatte
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Hengt/ wie ein Pfau/ beschämmt die sonst gerichten Flügel/
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Wenn sie den Silber-Schein nicht gantz vollkommen sieht/
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Und ihre Himmels-Burg/ ein Mangel Dufft bezieht.
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Die Sternen des Gesichts/ die Sonnen gleichen Augen/
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Die müssen offt Verdruß aus ihrem Fehler saugen/
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Daß ihnen Perlen gleich das Zähren-Saltz abrinnt/
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So ihren hellen Schein mit Trauer-roht entzündt.
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Die Rosen/ so in Milch gesetzet auf den Wangen/
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Wie Purpur und
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Beziehet auch gar bald ein bleicher Todes-Schein/
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Und zeiget/ daß ihr Glantz nicht kan beständig seyn.
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Der schöne Zucker-Mund/ und die Zinnober Lippen
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Beschämen den Rubin/ und die Corallen Klippen/
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Doch setzt ein kurtzes Nu den rohten Schein in Eyß/
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Und färbet den Rubin mit seinem Kalcke weiß.
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Das glatte
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Die trotzen dem Crystall/ als wenn nichts ihnen fehle/
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Allein/ sie ziehen bald die stoltze Pfeiffe ein/
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Und zeigen/ daß sie gleich den andern schadhafft seyn.
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Bald aber darff ich nicht die schöne Brust verachten/
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Wohin ein jeder wünscht/ wohin wir alle trachten/
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Wo sich die süsse Lust in Schwanen eingekleidt/
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Und stets ein neues Was auf unser Geister streut.
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Allwo die Lieblichkeit ihr Wohn-Zelt auffgeschlagen/
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Dahin die
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Das Zucker unsrer Lust/ der Seelen Honig Seim/
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Der Geist zu Geistern fügt durch zähen Liebes Leim.
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Wo
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Da man die Wollust sieht auf süsser Anmuht Thronen/
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Wo
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Da sich ein Balsams-Strauch zu unsern Diensten reicht.
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Doch dieses alles macht die Brüste nicht vollkommen/
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Es wird dem schönen Paar auch Glantz und Lust benommen/
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Wie
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So kan auch deren Pracht nicht über-irrdisch seyn.
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Der rund-gewölbte Bauch prahlt wie ein heller Spiegel/
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In dessen Mitten steht des Nabels runder Hügel/
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Der weisser als Albast/ und glätter noch als Eyß/
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Indem er in sich hält der Wollust Zauber Kreyß.
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Durch einem Blick kan er den Geist in Flammeu setzen/
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Und ob ihm schon was fehlt/ wil er uns doch ergötzen.
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Er pochet gar darauf/ daß er den Wolcken gleicht/
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Und denckt nicht/ daß der Schmuck im Augenblick entweicht.
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Allein/ wer will die Schooß/ die schöne Schooß beschämen?
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Woher wir unser Licht/ und unser Leben nehmen/
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Wo die Gedancken hin/ und jeder Wünschen geht/
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Woher was kömmt und wird in Leib und Seel besteht.
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Den Sammel-Platz der Lust/ den Ebenbild des Leben/
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Das jene erste Welt verächtlich hingegeben/
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Und unser Wohl verspielt/ verlachet jene Lust/
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Daß uns im Schatten-Werck nur wird die Lust bewust.
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Das schöne Morgenland/ die rechte Glückes Insuli
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Dionens Wunder-Schloß; allein hier fehlt der Pinsul/
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Zu mahlen seine Pracht/ die alles übertrifft/
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Weil Liebreitz und
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Rubinen und Albast/ die diese Grotte zieren/
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Und uns in einem Gang voll süsser Früchte führen/
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Sind nicht von Sodom her/ nicht falscher Augen Schein/
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Dieweil sie von dem Baum des ersten Garten seyn.
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Wer will/ kan dieser Pracht nur ihre Fehler zeigen/
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Ich halte schon den Mund und werde davon schweigen.
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Ich zähme meine Hand/ und zwinge meinen Kiel/
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Wenn er zu dessen Schimpff nur etwas schreiben will.
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Mit jenem Mahler will ich mich mit Schweigen decken/
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Und Schweigend übergehn was selben kan beflecken/
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Ich sage nichts von Lust/ von Pracht/ noch dessen Zier/
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Und werffe vor dem Fehl die Schweigens-Decke für.

(Celander [i. e. Gressel, Johann Georg]: Verliebte-Galante/ Sinn-Vermischte und Grab-Gedichte. Hamburg u. a., 1716.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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