Der Mutter Wiederkehr

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Mutter Wiederkehr (1844)

1
Du sagst mir nichts, doch zweifl’ ich nicht,
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Du schüttelst dein Haupt, Marie,
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Ein Greis — zwei Kinder — im Dämmerlicht —
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Da waltet die Phantasie!
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Was wollte ich nicht um dein Lächeln geben,
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Um deine Zweifel, du gute Frau,
7
Doch wieder sag’ ichs: bei meinem Leben!
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Marie, wir sahen und hörten genau!

9
Am Morgen kehrte der Vater heim,
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Verstimmt und müde gehetzt,
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Und war er nimmer ein Honigseim,
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So war er ein Wermuth jetzt.
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Auch waren es wohl bedenkliche Worte,
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Die er gesprochen zum alten Mann,
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Denn laut sie haderten an der Pforte,
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Und schieden in tiefer Empörung dann.

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Nun ward durchstöbert das ganze Haus,
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Ein Jeder gefragt, gequält,
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Die Beutel gewogen, geschüttet aus,
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Die Silberbestecke gezählt,
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Ob Alles richtig, versperrt die Zimmer,
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Nichts konnte dem Manne genügen doch;
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Bis Abends zählte und wog er immer,
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Und meinte, der Schade finde sich noch.

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Als nun die Dämmerung brach herein,
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Ohne Mutter und Sakristan,
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Wir kauerten auf dem staubigen Stein,
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Und gähnten die Flamme an.
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Verstimmt der Vater, am langen Tische,
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Wühlt' in Papieren, schob und rückt,
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Wir duckten an unserm Kamin, wie Fische,
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Wenn drauf das Auge des Reihers drückt.

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Da horch! — die Thüre dröhnte am Gang,
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Ein schlürfender Schritt darauf
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Sich schleppte die knarrende Diel' entlang.
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Der Vater horchte — stand auf —
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Und wieder hörten wir rücken die Stühle,
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Am Schranke klirren den Schlüsselbund,
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Und wieder das schwere Krachen der Diele,
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Als es vom Stuhle trat an den Grund.

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Er stand, den Leib vorüber gebeugt,
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Wie Jäger auf Wildes Spur,
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Nicht Furcht noch Rührung sein Auge zeigt',
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Man sah, er lauerte nur.
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Und wieder sah ich die mich geboren,
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Verbannt, verstoßen vom heiligen Grund,
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O, nimmer hab' ich das Bild verloren,
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Es folgt mir noch in der Todesstund!

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Und Er? — hat keine Wimper geregt,
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Und keine Muskel gezuckt,
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Der Stuhl, auf den seine Hand gelegt,
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Nur einmal leise geruckt.
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Ihr folgend mit den stechenden Blicken
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Wandt' er sich langsam wie sie schritt,
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Doch als er sie an's Closet sah drücken,
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Da zuckte er auf, als wolle er mit.

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Und „Arnold!“ rief's aus dem Geldverließ,
58
— Er beugte vornüber, weit —
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Und wieder „Arnold!“ so klagend süß,
60
— Er legte die Feder bei Seit' —
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Zum dritten Mal, wie die blutige Trauer,
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„arnold!“ — den Meerschaumkopf im Nu
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Erfaßt er, schleudert' ihn gegen die Mauer,
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Schritt in's Closet und riegelte zu.

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Wir aber stürzten in wilder Hast
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Hinaus an das Abendroth,
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Wir hatten uns bei den Händen gefaßt,
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Und weinten uns schier zu todt.
69
Die ganze Nacht hat die Lampe geglommen,
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Geknattert im Saal des Kamines Rost,
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Und als der dritte Abend gekommen,
72
Da setzte der Vater sich auf die Post.

73
Ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt,
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Und nicht seine Hand geküßt,
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Doch heißt es, daß er in dieser Nacht
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Am Bettchen gestanden ist.
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Und bei des nächsten Morgens Erglühen,
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Das Erste was meine Augen sahn,
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Das war an unserem Lager knieen
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Den tief erschütterten Sakristan.

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Dem ward in der Früh' ein Brief gebracht,
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Und dann ein Schlüsselchen noch;
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„ich will nicht lesen,“ hat er gedacht
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Und zögerte, las dann doch
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Den Brief, in letzter Stunde geschrieben
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Von meines unglücklichen Vaters Hand,
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Der fest im Herzen mir ist geblieben,
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Obwohl mein Bruder ihn einst verbrannt.

89
„was mich betroffen, das sag' ich nicht,
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Eh dorre die Zunge aus!
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Doch ist es ein bitter, ein schwer Gericht,
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Und treibt mich von Hof und Haus.
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In dem Closete da sind gelegen
94
Papiere, Wechsel, Briefe dabei.
95
Dir will ich auf deine Seele legen
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Meine zwei Buben, denn du bist treu.

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Sorg' nicht um mich, was ich bedarf
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Deß hab ich genügend noch,
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Und forsch auch nimmer, — ich warne scharf —
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Nach mir, es tröge dich doch.
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Sey ruhig, Mann, ich will nicht tödten,
102
Den Leib, der Vieles noch muß bestehn,
103
Doch laß meine armen Kinderchen beten,
104
Denn sehr bedarf ich der Unschuld Flehn.

105
Und im Closete gefunden ward
106
Ein richtiges Testament,
107
Und alle Papiere nach Kaufmannsart
108
Geordnet und wohl benennt.
109
Und wir? — in der Fremde ließ man uns pflegen,
110
Da waren wir eben wie Buben sind,
111
Doch mit den Jahren da muß sich's regen,
112
Bin ich doch jetzt sein einziges Kind!

113
Du weißt es, wie ich auch noch so früh,
114
So hart den Bruder verlor,
115
Und hätte ich dich nicht, meine Marie,
116
Dann wär ich ein armer Thor! —
117
Ach Gott, was hab' ich nicht All geschrieben,
118
Aufrufe, Briefe, in meiner Noth!
119
Umsonst doch Alles, umsonst geblieben.
120
Ob er mag leben? — vermuthlich todt!“

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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