4. Die Gräfin Linda

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: 4. Die Gräfin Linda (1773)

1
Ihr zarten Herzen, hört ein Trauerlied,
2
Wenn mir dabei nicht Stimm' und Athem flieht –
3
Ein Lied, von all dem Kummer, Gram und Schmerz,
4
Der traf der edlen Gräfin Linda Herz.

5
Wenn Schönheit, Reiz und Tugend Glück verlieh,
6
Welch Glück des Lebens sollt geniessen sie!
7
Sie, Schwester jenes edlen Orosmann,
8
Und ach! Gemahl vom ärgsten Ehemann.

9
Nicht, daß der Graf an Würden in dem Reich
10
So niedrig war; da war ihm niemand gleich,
11
Doch niedriger an Tugend und Verstand
12
War niemand, ach! und das an Linda's Hand.

13
Drum schloß er sie bald in sein Thurmschloß ein,
14
Da lebenslang gefangen ihm zu seyn,
15
Ihr fehlte Ritter, Dame, Cavalier,
16
Gar Edelknabe, alles fehlte ihr.

17
Ihr Kammermädchen, denket das einmal,
18
Ihr Kammermädchen selbst war Herr Gemahl,
19
War Koch und Becker, Tag und Nacht um sie,
20
Macht selbst das Bett und futtert's Federvieh.

21
Ist Eifersucht der wahren Liebe Pein,
22
Weh ihr! – Doch muß man Mitleid noch ihr weihn;
23
Pfui aber, ohne Liebe Eifersucht
24
Aus feiger Kälte! dreimal sey verflucht!

25
Er glaubt, der Thor, daß solche Schöne nie
26
Getreu seyn könne, darum quält er sie,
27
Bewacht sie Tag und Nacht mit Teufelsblick,
28
Und Schlaf und Schlummer scheucht er sich zurück.

29
Denn einst im Traume sah er untreu sie,
30
Fuhr auf vom Traum' und Gott, wie schlug er sie!
31
Sie hatt' auch nichts im Leben, nicht etwann
32
Ein Hünd- ein Täubchen, das sie liebgewann.

33
Auch Hünd- und Täubchen ward im Ungestüm
34
Ihm Nebenbuhler, Nebenbuhler ihm,
35
Fort riß ers ihr: »Was küssen Sie, Madam,
36
Im Thiere da? wie heißt der Herr Galan?«

37
Ihr brach das Herz: einst gieng sie still im Hain,
38
Da kam ein Bär, ein Wolf, ein wildes Schwein:
39
Die folgten zahm und willig ihr zum Stall,
40
Und sieh, das war nun ihr Gesellschafts-Saal.

41
Die futtert sie mit eigner zarter Hand,
42
Mitleidig jedes ihre Stimm' erkannt'
43
Und liebte sie, als sprach' es: »Herr Gemahl,
44
Seht doch auf uns, uns Bestien einmal!«

45
Nichts! ja wenn täglich immer mehr und mehr
46
Der Bär ein Mensch ward, ward der Graf ein Bär;
47
Bis ihn zuletzt der Bestien Hof auch plagt
48
Und er zu sehen sie, ihr untersagt.

49
Und sieh, da kam vom König' an ein Brief,
50
Der ihn, o weh, von Frau und Küche rief!
51
»herr Graf, an Hof, Herr Graf flugs in den Krieg!
52
Beschüzt den König, schaft ihm Ruhm und Sieg.«

53
Ach Unglückspost! O Tag voll bittrer Pein!
54
Vom Weibe ziehn, nicht mehr ihr Schildwach seyn.
55
»wohlan, in diesen Thurm, mein holdes Kind,
56
Wo Sie vor Feind und Hunger sicher sind.

57
Durch dieses Loch wird Ihnen Speise bracht,
58
Und nun Herzlieb –« er schläft bey ihr die Nacht;
59
Und Schicksal, Jammer! sie, die sieben Jahr
60
Kein Kind umarmte, sie wird schwanger gar.

61
Ach armes Weib, wie wird, wie wird dirs gehn
62
Kommt er zurück und wird dein Mädchen sehn –!
63
Das süsse Mädchen, das in Gram und Leid
64
Dir jetzt gemacht so liebe, liebe Zeit.

65
Er kommt zurück, kommt schneller als er soll,
66
Auf springt das Thor: er tritt herein wie toll.
67
Die Mutter auf dem Schoos, wie Mütter sind,
68
Sie herzt und weint und küßt das süsse Kind.

69
Er steht und starrt und zittert blaß und bleich,
70
Ach Kind und Mutter, Gott genade Euch!
71
Er zieht den Dolch und sonder Wort und Schmerz
72
Stößt ihn dem eignen Kinde durch das Herz.

73
»weib ohne Zucht und Ehr und Schaam und Treu,
74
Ergib dich Gott! dein Leben ist vorbey!«
75
Und steht und knirscht und hebt voll Tigerwuth
76
Den Dolch empor, der trieft von Kindes Blut.

77
Sie höret nicht, sie sieht nicht, drückt im Schmerz
78
Den armen Säugling an ihr Mutterherz,
79
Sieht ächzen ihn, sein Seelchen will entfliehn,
80
Und Mund an Mund will sie es in sich ziehn.

81
Welch Tigerherz hätt' kalt das angesehn?
82
Er sah es, setzt auf ihren Busen schön
83
Den Dolch; als plötzlich Lärm, Geschrey im Thurm
84
Es ruft und lärmt, von allen Seiten Sturm.

85
Gestürmt, gestürmt das Schloß wird um und an,
86
Es ist, es ist der wackre Orosmann!
87
Er hat gehört, er hat vernommen spät,
88
Wie's seiner edlen, lieben Schwester geht.

89
Auf einmal stutzt und steht der Herr Gemahl,
90
Steckt ein den Dolch. »Auf! in den grossen Saal!
91
Und still Madam, und laßt nichts merken euch,
92
Und zieht euch an in Gold und Seide reich.

93
Frägt Euer Bruder: »nun, wie geht es dir?«
94
So sprecht: »o Bruder, wie ichs wünsche mir.«
95
Fragt er: »wo sind die Ritter, deine Leut?«
96
So sprecht: »sind eben auf der Wolfsjagd heut.«

97
»und wo sind deine Damen? Dein Kaplan?«
98
»sie haben eben Wallfahrt heut gethan.«
99
»wo deine Kammerfrauen?« nun so sprich:
100
»sie sind am Fluß und bleichen Garn für mich.«

101
Frägt er: »wo ist dein Mann? wo treff ich ihn?«
102
Antwort': »er muste stracks nach Hofe ziehn.«
103
»und wo dein Kind? Dein Einig Kind?« so sprich:
104
»gott, der es gab, der nahm es bald zu sich.««

105
Doch Orosmann pocht an schon, pochet brav,
106
Kein ander Rath, als unters Bett, Herr Graf!
107
»wo ist sie? meine Schwester führt mir her!«
108
»ach Bruder, Bruder kennst du mich nicht mehr! –«

109
»wie Schwester, Schwester! und so seh ich Euch?
110
Und steht da zitternd und seyd blaß und bleich!«
111
Laut spricht sie: »Bruder, ich war tödtlich krank.«
112
Und leise: »ach, ich leid' hier Höllenzwang.«

113
»wie Schwester, Schwester, wo ist dein Kaplan?
114
Wo deine Damen? schaff sie mir heran.«
115
Laut spricht sie: »Sie sind auf der Wallfahrt heut.«
116
Und leise: »Bruder, sieh mein Herzeleid.«

117
»wie, Schwester, Schwester, wo ist Kavalier,
118
Und Edelknabe: treff ich keinen hier?«
119
Laut spricht sie: »sind heut alle auf der Jagd.«
120
Und leise: »Bruder, wie bin ich geplagt!«

121
»wie Schwester, Schwester, wo ist dein Gemahl?
122
Er kommt nicht und empfängt mich nicht einmal!«
123
Laut: »Eben rief der König ihn zu sich.«
124
Und leise – ach erseufzt sie ängstiglich.

125
»wie Schwester, Schwester, und ich sehs an dir,
126
Die Hälfte deiner Leiden hehlst du mir.
127
Er ist nicht werth, der Wütrich, der Barbar,
128
Der seinen Schatz an dir nicht wird gewahr –«

129
Da sieht er ihn, reißt ihn vom Bett hervor,
130
Und zieht sein Schwert und hält es hoch empor –
131
Ein fällt die Schwester ihm in Arm und Stahl:
132
»nicht, Bruder, nicht! Er ist doch mein Gemahl.

133
Ich haß' ihn nicht, ob ich gleich litte sehr;
134
Verzeih ihm – er wird mich nicht tödten mehr!«
135
»nein, Schwester, nein! Er hat verdient den Tod.
136
Tyrann! so stirb denn und verzeih dir Gott!«

137
Er sank, der feige Wütrich und sein Blut
138
Ward noch geehrt mit Linda's Thränenfluth;
139
Doch jedermann nennt ihn mit Schand und Graus:
140
Haustyrannei geht selten glücklich aus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.