Das Gewissen

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Johann Gottfried Herder: Das Gewissen (1790)

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Wann kommt der Herr der Herrlichkeit
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Mit seines Reiches Freuden?
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Wann kommt der Richter, Freud' und Leid,
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Und Bös und Gut zu scheiden?
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Er ist nicht fern, er ist uns nah;
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In unserm Herzen ist er da!
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Du kannst ihn nicht vermeiden.

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In unserm Herzen spricht sein Spruch;
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Wer mag den Spruch bestehen?
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Frei aufgeschlagen ist sein Buch
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Mit jeglichem Vergehen.
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Sein Blick wie Feuerflamme fährt
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Und theilt wie ein zweischneidig Schwert,
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Was keine Augen sehen.

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Was keines Feindes Mund erzählt,
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Erzählt uns das Gewissen;
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Was sich der Heuchler lang' verhehlt,
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Wird er sich sagen müssen,
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Wenn Gottes Zeit kommt und ihn schilt,
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Wenn Gottes Zeit kommt und vergilt
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Und läßt den Frevler büßen.

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Wem kam nicht diese Gotteszeit
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So oft und oft im Leben?
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Wer muß nicht die Gerechtigkeit
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Anflehn, ihm zu vergeben?
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Und fühlt in seinem Innern noch
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Viel stumme Schulden, denen doch
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Er einst wird müssen beben!

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Du Herzensrichter, auf! erfahr
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Und prüfe, wie wir's meinen!
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Mach unsre Fehl uns offenbar;
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Was nützt es, gut zu scheinen!
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Dem Ausspruch des Gewissens treu
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Und feind sein jeder Heuchelei,
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Dies stellt uns zu den Deinen.

36
Denn wen sein eignes Herz beschämt
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Mit innerstem Beschämen,
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Die Schuld, die uns im Innern grämt,
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Wer könnt' uns die entnehmen?
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Herr, gieb, daß wir der Sünde Schritt
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Und Deiner Strafe leisen Tritt,
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Eh sie uns naht, vernehmen!

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Und wenn die letzte Stunde schlägt,
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Der Niemand kann entgehen,
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So gieb, Herr, daß wir unbewegt
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Auf unser Innres sehen,
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Daß unser Leben uns dann klar
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Und rein erschein' und offenbar
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Das kleineste Vergehen!

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Dann sprich in uns, o Richter: »Komm!
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Dein Lohn ist Dir beschieden.
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Was Du gethan hast gut und fromm
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Dem Dürftigsten hienieden,
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Das hast der Menschheit Du gethan,
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Dem Menschensohne. Komm hinan!
56
Genieße Himmelsfrieden!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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