So schläfst Du nun den Todesschlaf im Grabe

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Johann Gottfried Herder: So schläfst Du nun den Todesschlaf im Grabe Titel entspricht 1. Vers(1790)

1
So schläfst Du nun den Todesschlaf im Grabe,
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Du junger Held, der schöne Dornen trug.
3
Dein Leben war für Tausend Lebensgabe,
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Dein Tod erquickt auch Sterbende mit Muth.
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Ruh denn, erlöst von allem Jammer,
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Womit Dich Menschenhärte traf,
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In Deiner stillen Kammer
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Den schwer errungnen Schlaf!

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Du aber, Freund, an diesem bittern Tage
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Komm, schau mit mir der Menschheit Scenen an!
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Sieh, welch ein Mensch! betracht ihn tief und sage,
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Wer Menschen segnender je werden kann!
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Komm, laß an seiner Gruft uns denken,
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Was uns im Tod allein erfreut!
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Aus Liebe sich zu kränken,
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Ist süße Dankbarkeit.

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In Nazareth, am Galiläermeere,
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Wer gab dem Jünglinge den hohen Geist,
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Der, wie entkommen schon der Erden Schwere,
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Sein Reich den Himmel, Gott nur Vater heißt,
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Und schaut, wie seine Sonne leuchtet
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Auf Bös' und Gute, wie sein Thau
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So Ros' als Dorn befeuchtet
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Auf

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»auf, laßt uns Kinder sein der Vatergüte,
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Vollkommen, wie der Herr vollkommen ist!«
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So pflanzt' er in der Sterblichen Gemüthe
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Unsterblich Wesen, das sich selbst vergißt
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Und im Verborgnen schafft und betet,
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Für Menschen schafft, für Feinde fleht,
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Still für die Zukunft säet
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Und still von dannen geht.

33
»glücksel'ge Armen! glücklich, die da leiden
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In sanfter Unschuld, die Erbarmenden,
35
Die, reines Herzens, Menschen Fried' und Freuden
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Und Mitleid reichen und den Haß bestehn!
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Seid fröhlich und getrost! Euch lohnet
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Im Himmel ew'ger Trost und Lohn,
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Wo jeder Gute wohnet,
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Dem Haß der Welt entflohn.

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Ihr seid der Zeiten Licht, das Salz der Erde,
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Ein Stern der Nacht, ein Keim der Fruchtbarkeit;
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In Euch ist Glanz, damit Glanz um Euch werde,
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In Euch ist Reichthum, der die Erde weiht!
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Auf! dringet durch die enge Pforte!
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Eng ist die Pforte, schmal der Weg,
47
Der zu dem Freudenorte
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Führt unbetretnen Steg.«

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So sprach er und ging selbst der Dornen Pfade,
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Die noch dem Sterbenden sein blutig Haupt
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Im Kranze schmückten. Haupt, Du lächelst Gnade,
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Als hätte Ros' und Lorbeer Dich umlaubt!
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Entschlummre! Bald wird Deine Krone,
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Siegprangend wie der Sterne Glanz,
55
Dem Menschengott zum Lohne
56
Ein ew'ger Gotteskranz.

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Denn sanft wie Gott, gefällig gleich den Engeln,
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War Güte nur und Huld sein Königreich.
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Mitfühlend unsrer Last und unsern Mängeln,
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Nur sich allein an Kraft und Würde gleich,
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Ein Gotteseifrer ohn' Entrüsten,
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Der, nie verhöhnend, oft beweint,
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Was Menschen dulden müßten,
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Ein ächter Menschenfreund.

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Wie? hatt' er nicht schon lebend g'nug gelitten?
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Er, dessen Herz das Mitleid selber war;
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Ein zarter Sproß, um den die Stürme stritten,
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Ein Arzt, dem fremdes eigen Leid gebar.
69
»laß diesen Kelch vorübergehen!
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Doch, Vater, Du hast ihn gefüllt;
71
Dein Wille soll geschehen!
72
Nicht ich – wie Du, Herr, willt.«

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Er trank ihn! Als nun seine zarten Glieder
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Gefühl der Gottverlassenheit durchdrang;
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Schon drückte Nacht die matten Augenlider,
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Des schweren Hohnes schwarze Wolke sank;
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Zerrissen war der letzten Schmerzen
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Geliebter Knote, der den Freund
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Mit Freund'- und Mutterherzen
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Im Tode noch vereint;

81
Da blickt' er auf und sah die schönen Auen,
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Die er dem Sünder mitleidsvoll verhieß.
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»gedenk an mich und laß Dein Reich mich schauen!«
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»heut sollst Du's schau'n, der Freuden Paradies!
85
– Empfang in Deine Vaterhände
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Den matten Geist! – Es ist vollbracht!«
87
Da kam sein stilles Ende,
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Sein Auge schloß die Nacht.

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Nicht Thränen, Freund, ein Leben ihm zu weihen,
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Wie seines – das nur ist Religion.
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Was ihn erfreute, soll auch uns erfreuen;
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Was er verschmähte, sei uns schlechter Lohn!
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Mit Güte Bosheit überwinden,
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Den Haß der Welt, wie er, verzeihn,
95
Im Wohlthun Rache finden,
96
Soll Christenthum uns sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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