Arist am Felsen

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Johann Gottfried Herder: Arist am Felsen (1801)

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An einem Felsenhange lag Arist,
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Hin in die Wüste seufzend: »Ach, wie stumm
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Ist Alles um mich, und wie geist- und herz-
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Und sinnenleer! Wie fern ist jene Sonne,
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Die untergeht, und jener traurige,
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Von keinem Lebenden bewohnte Mond!
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Es strecken ungeheure Wüsten sich
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Zum Mars, zu Zeus, Saturn und Uranus,
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Noch ungeheurere von Stern zu Stern.
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Ein Quentchen ist das Leben in der Schöpfung,
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Und ach, wie noch ein kleiner Quentchen ist
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Verstand und Herz auf unsrer Erde! Fels
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War einst und ist sie noch, ein glühnder Brei,
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Der Jahremillionen um die Sonne,
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Hinausgeschleudert von ihr, schwebte, dann
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In kältern, wüsten Regionen sich
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Allmählig härtete; allmählig flog
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Hier, dort und da ein Lebensfunk ihn an,
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Glimmt' und verglimmte. Jener Kalk der Berge,
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Die Erde, die ich trete, Baum und Thier
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Und Pflanze, was auf Erden irgend lebt,
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Sind letzte Folgen eines Untergangs,
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In den einst Alles sinkt. Des Menschen Geist,
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Wie sparsam ist er ausgestreuet! schwach
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Und machtlos funkelt hier und dort ein Strahl
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Vernunft im Dunkel und verschwindet. Stumm
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Ist Alles um mich her; ach, so verstummt
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Das Menschenherz, dem Menschen Wohl und Weh;
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Aufbrausend glüht es, quälend sich und Andre,
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Bis es im stillen Grabe nicht mehr schlägt.«

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Die Nachtigall seufzt' über seinem Haupt
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Ihr Lied der Liebe; unweit neben ihm
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Girrt' im getreuen Nest die Turteltaube:
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Er hört' sie nicht. Es murmelte der Bach,
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Der Westwind lispelt' in den Zweigen: er
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Vernahm den fernen und den nahen Laut
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Der Schöpfung nicht; in ihm war's wüst und leer.

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Da schwebt' in holder Dämmerung ein Glanz
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Zu ihm herüber aus der Sonne selbst
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(wir nennen es Licht des Zodiakus);
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Gestalt- und wortlos floß es in ihn ein
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Und sprach: »Dir ist die Schöpfung wüst und leer,
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Gedankenlos der Lebensocean,
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Der Dir Gedanken schafft? Was sind Gedanken
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In Dir als Abbildungen Dessen, was
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Von außen Du vernimmst und in Dir ordnest?
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Der Weltgeist, nenn ihn Aether oder Licht,
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Du siehst ihn nicht im Lichte, hörst ihn nicht
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Im Schall; der Unsichtbar', der Unhörbare,
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Er macht Dich sehn und hören, fühlen, denken;
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Er denkt in Dir, Du bist nur sein Gefäß.
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Und wähnst Du Dich, sein Einziges zu sein,
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Dem jedes Element, selbst Luft und Licht,
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Organ ist, der im Wasser kühlt und rauscht,
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In Flammen glüht und mit sich selber kämpft
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Zur Allerhaltung! Thätliche Gedanken,
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Nicht leere Worte bildet er Dir vor
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Und denkt in ihnen. Blickt die Blume nicht
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Verständiger Dich an, als Du sie anblickst?
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Selbständig lebt sie und genießet sich
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Und dient der Schöpfung. Schau im letzten Strahl
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Der untergehnden Sonne ihre Pracht!
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Vernimm den Zeichnenden, der sie umschwebt
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Mit goldnem Griffel! hör im Rauschen hier,
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Dort im Gesang, im Lispel dort den Geist,
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Deß Stimme nicht Gesang und Lispel ist!
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Gedankenvoll, verstandvoll ist die Schöpfung,
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Ein großes Herz, das Wärm' in alle Adern,
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In alle Nerven Gluth der Fühlung gießt
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Und sich in Allem fühlet. Er zerstört
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Und bauet stets; die große Mutter trägt
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In jedem Augenblick ein junges Kind
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Mit neuer Mutterfreud' an ihrer Brust.
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Sich schöner zu verjüngen, altet sie.
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Was nicht mehr wirken, nicht genießen kann,
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Das welket und wird unsichtbar; es lebt
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Im Andern schon verjüngt und munter. Sie
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Erfreuet sich in Allem, liebet stets
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Die alten, immer jungen Formen, schaut
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In jeglicher Verändrung neu sich an,
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In vielen Blumen und Gedankenweisen.
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In Pflanzen, Thieren, Menschencharakteren
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Erkennt sie sich; Du schauest sie nur an
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In Deiner Art; der große rege Geist,
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Nur er versteht und denkt und fühlt sich ganz.«

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Die Seel' Arist's entwölkte sich; es schien
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Der Mond ihm freundlicher, das Abendroth
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Beglänzte heitrer seine Stirn; jedoch
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Sein Herz blieb kalt. Der Turteltaube Girren,
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Der Nachtigall Liebseufzen rührt' ihn nicht.
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»wol fließen,« sprach er zu sich selbst, »Gedanken
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In mich, Gedanken, manch Jahrhundert alt;
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Die längst verstorbnen, nicht gestorbnen Geister
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Beseelen mich; Ihr sprecht zu mir, Horaz,
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Homer und Plato; ein verborgnes Band
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Zieht von der ältsten bis zur neusten Zeit
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Aus Seele sich zu Seele. Glückliche,
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Die, in die güldne Geisteskette fest-
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Gewebt, die Schläge des Gehirnes fort
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Und fort geleiten! Dreimal Glückliche,
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Die den geheimen feinsten Flammenstrom
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Zum Bessren und zum Besten läutern!
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Ist wol ein großer, unermeßlicher
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Verstand in der Natur; selbstständige
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Gedanken stehn vor mir, und doch verknüpft
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Das Kleinste mit dem Größesten, gedrängt
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Und abgetrennt; wir buchstabiren sie,
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Doch wer vernimmt den Sinn des Ganzen? wer
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Sah Dir, o Urgeist, in das Angesicht?«

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Ein wärmer Licht umfing den Zweifelnden;
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Sein treuer Hund (er hatte seinen Herrn
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Verloren schon gewähnt und lang' gesucht)
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Sprang auf ihn freundlich, bellt' ihm Freude zu
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Und warf sich fest andrückend ihm zu Füßen.
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»wähnst Du
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Der Sonnengenius ihm wärmer zu.
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»was diesen Freund hier an Dich bindet, sollt'
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Es Allen, die mit Dir von
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Von
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Erzog Dich? Wem verdankest Du Dich selbst?
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Dein bessres Selbst? Wer bildete Dein Herz?
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Wer bracht' auf Deiner Lebensbahn Dich oft,
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Und unbewußt Dir, weiter? Eigennutz
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Beseelte nicht, die Dir begegneten,
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Dich retteten, Dich liebten. Ungehört
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Erklang Dein Seufzen in ihr Herz; der Wunsch,
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Der in Dir selbst unausgebrütet lag,
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Bekam in ihrem Geiste Flügel. Kam
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Dir in der Zeit der Noth nicht oft ein Gott,
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Ein Genius in menschlicher Gestalt,
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Hilfreich entgegen? Fühltest Du nicht selbst
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Oft Ahnungen, die in die Ferne Dich,
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Dich in die Zukunft rissen, die Dich sorgend,
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Errettend thätig machten für den Freund,
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Den Du nicht kanntest? Nur die große Mutter
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Vorsehung kannte Dich und ihn; sie schuf
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Euch Beide für einander; Euer Schicksal,
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Gehämmert ward's auf
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In seiner Noth der freudigste Genuß,
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In Deiner Hilf' ihm hohe Seligkeit.«

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Wie bei dem ersten warmen Sonnenstrahl
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Nach kalten Frühlingsnächten zitternd sich
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Die Blume öffnet, ungewiß, ob sie
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Dem Strahl vertrauen dürfe, so entschloß
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Die tiefbeklemmte Brust Arist's. »Es schlägt,«
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So fuhr die Stimme fort, »ein großes Herz
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In der Natur; vertrau der Fühlenden!
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Dein reinester Gedank' entsprang dem Quell
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Des reinsten Geistes und gehört ihm zu
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Und fließt in ihn zurück, zum Allbeleber.
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Dein tiefster Wunsch gehört dem großen Herz
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Der Schöpfung zu und findet es gewiß.
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In Dein Verlangen stimmen alle guten,
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Gerechten Seelen; Dein ist ihr Gebet,
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Dein Echo ist ihr aller Busen. Höre
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Mit Geistesohr die hohe Harmonie!«

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Auf blickt' er, und – da stand vor ihm sein Freund
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Agathokles. »Rastlose Unruh, Freund,
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Trieb mich hieher. Du leidest und verbirgst
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Mir Deinen Gram; die Ursach sucht' ich lang'
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In Deinem Blick, in Deinen Mienen. Wohl,
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Ich habe sie gefunden. Welch ein Nichts,
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Das Dich abhärmet! ich verschaff' es Dir.
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Ein guter Genius hat mich für Dich
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Geängstet und für Dich, wie längst, gesorgt.
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O Freund, es wacht ein allgemeiner Geist
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Vorwirkend, fernesehend über uns;
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Die Aller Wunsch und Herzen knüpfet, Freund,
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Es schlägt ein großes Herz in der Natur.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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