Erster Gesang

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Johann Gottfried Herder: Erster Gesang (1787)

1
O Muse, singe mir den hohen Rath
2
Des Menschengottes mit der Menschenschaar,
3
Wie er durch Nebel und durch Dämmerung,
4
Durch Finsterniß und Irren sie geführt
5
Und führen wird zum Lichte! Singe mir,
6
Wie er die Strahlen dieses Lichts zerstreut
7
Durch Völker, Zonen und Jahrtausende,
8
Und alle kennt und alle sammeln wird
9
Zu

10
Allgütiger, begeistre, lehre mich!
11
Du mußt mich lehren! Denn wer bin ich Staub,
12
Daß ich auf Lichtesflügeln streb' empor
13
Und Deinen Rathschluß höre? Wer bin ich,
14
Daß ich hinein in jenes Dunkel seh',
15
Wo die Vergangenheit die Zukunft vird
16
Und im erstorbnen Keim der Gegenwart
17
Der Baum der Nachwelt blühet? Wer bin ich,
18
Zu schaun, wie bittrer Tod das Leben ist
19
Und tiefe Tiefe sich zur Höhe schwingt
20
Und sich in Höhn und Tiefen überall
21
Dein Vaterantlitz offenbaret? Hell
22
Wird meine Leyer; denn ein Gottestrahl
23
Berührt sie, wecket ihre Saiten auf
24
Zu seinem Nachhall, und mein Auge glänzt,
25
Mein Herz schlägt fröhlicher; denn, Brüder, hört's,
26
Euch Menschen sing' ich Eures

27
In dichten Finsternissen lag ich tief
28
Verhüllt und irrte mich an Gottes Pfad
29
Mit seinen Menschen. Sind sie oder nicht
30
Geschöpfe seiner Hand, zum Licht ersehn,
31
Zur Tugend, zur Glückseligkeit? Sie sind
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Dahingeschleudert in des Erdballs Nacht,
33
In Wüsteneien, Abgründ', unter Eis
34
Und kalte Felsen, in den dürren Sand,
35
Und wo die heiße Sonn' ihr Hirn verbrennt
36
Und ihnen Saft und Muth aus allen Röhren
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Hinwegkocht, sind verschlagen auf der See
38
Bergspitzen, in der Wälder Labyrinth,
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Zu Leviathan's Zähnen, Tigerklau'n,
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Des Löwen Rachen; ach, und schrecklicher,
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Furchtbarer noch, in Menschentigers Klaue,
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In Menschenlöwen Rachen, untern Fuß
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Des Wütherichs, des Kriegers, in das Netz
44
Des Menschenfängers, der nicht Leiber nur,
45
Der Seelen tausendfältig-künstlich fängt
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Und sie zu seinem Leckermahle würgt
47
Und Gott verhöhnet. Meiner Brüder Schaar,
48
Sie gehn, wie Fisch' im Meer und wie Gewürm,
49
Das keinen Herren hat, des Adlers Raub,
50
Des Geiers Speise. Und blickt irgendwo
51
Ein Retter, ein wohlthätig Licht empor,
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Ein Stern in dunkler Nacht, so wappnet sich
53
Ringsum die dunkle, scheußlich kalte Nacht,
54
Ihn wegzutilgen mit des Regens Guß,
55
Mit Donnerwolken rings ihn zu verbaun,
56
Daß auch sein holder Strahl dem Wandrer nur
57
Ein Blitzstrahl werde. Sog nicht Tyrannei
58
Aus jeder Rettung neue Kräfte? schlang
59
Und schmiedete sie immer fester nicht
60
Das kaum zerschlagne Band? und thronte nun
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Auf Menschenschädeln nicht allein, sie thront'
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Auf Menschenseelen – Trägheit ihre Burg,
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Verzweiflung ihre Feste! Waget's noch
64
Ein Mensch, zu sehn, was Gott und Teufel sei?
65
Und was er sah, es laut zu sagen? Dem
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Die Stimme zu verstopfen in den Schlund,
67
Der Gott den Teufel nennt, den Teufel Gott,
68
Und auf den Nacken seiner Brüder tritt
69
Und Ruh und Unschuld höhnet? Waget's noch
70
Ein Mensch, dem andern Wahrheit zu vertraun,
71
Arznei dem Kranken, dem die Arzenei
72
Ja bittres Gift nur würde? Heucheln sie
73
Sich nicht mit süßen Aeffereien todt
74
Und freuen sich des Todes? Findet sich
75
Aus Irrthum irgendwo ein Fünkchen Wahrheit,
76
Schnell muß das Fünkchen Wahrheit wiederum
77
Zum Irrthum werden. So dreht wunderbar
78
Der Völker, Zeiten, der Geschlechter Rad
79
Sich auf und ab, erhebet oder stürzt,
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Zerquetschet aber immer. Sind wir weiter
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Gekommen in der Zeiten Wirbellauf?
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Sind wir zurück? Was ist geschehen, das
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Nicht jetzt geschäh'? und was geschiehet, das
84
Nicht immerdar geschehen werde? »Sieh,«
85
Sprach ich zu mir und nagete mein Herz,
86
»den Aufgeklärten hier, der Tugend höhnt
87
Und Gott verachtet, Andere verführt
88
Und sich ermordet; sieh den Wilden dort
89
An Seelands Ufer, der den Schlamm des Meers
90
In faulen Fischen frißt und kaum die Sonn'
91
Erblickt und einen Gott kaum nennet! – ha!
92
Den Gott, der ihn auch zur Unsterblichkeit,
93
Zu seinem Bild erschaffen!« – Da versank
94
Mein Geist in öden Schlummer. Vor mir stand
95
Ein schöner Engel; Licht war sein Gesicht,
96
Und Sonnenstrahlen seine Flügel; Glanz,
97
Wie holde Regenbogenschöne, floß
98
Sein Kleid hinunter. Er berührte mich
99
Mit einem Sternenstabe, wie er dort
100
Am Firmament in hellen Nächten brennt.
101
Der Stab erweckte mich, verwandelte
102
Mir mein Gebein; der Staub fiel ab von mir.
103
Die Hülle sank; mein Herz ward ruhig; auf
104
Gen Himmel zog mich seine Gegenwart
105
Ihm nach, ihm nach. »Ich bin der Genius
106
Des menschlichen Geschlechts!« sprach er zu mir.
107
»sieh um Dich! wo ist Deine Erde?« Ich
108
Sah rings umher und sah nur Sternenglanz
109
Und schwebete im hohen Sternenchor
110
Und hörte ihren Klang. Ich hörete
111
Der sieben Stern' um unsre Sonne Klang
112
Und sah auch meine Erd' – ein kleiner Ball
113
Mit ihrem Mond, ein leiser Uebergang
114
Zum Mittelpunkt, der Sonne hohen Einklang.
115
Mein Herz ward Sphärenharmonie. Ich wagte
116
Den Genius nicht anzuschaun. Er sprach:
117
»sieh, Murrender, worüber murrtest Du
118
Im Winkel Deiner Höhle drunten? Nennst
119
Du das Vernunft, wenn Du den kleinen Theil,
120
Ein Nichts, fürs Ganze nimmst? das Jetzt
121
Der Erdengegenwart, der schnellesten
122
Vergänglichkeit, fürs Unvergängliche,
123
Fürs Ewige? Sieh um Dich! Deine Welt,
124
Ist sie nicht Ton nur in der Melodie
125
Der Sonnensterne? welch ein kleiner Ton!
126
Und Du auf dieser Saite welch ein Nichts,
127
Ein kleiner Nachhall des verhallenden
128
Verstummens! Sieh umher! die sieben Sterne
129
Sind Ruhestätten für den Wandrer nur,
130
Der in sein Vaterland, die Sonn', hinaufeilt!
131
In alle sieben Sterne sind die Klänge
132
Der Fähigkeiten zur Vollkommenheit
133
Nach Maaß und Zahl des weisen Schöpfers, des
134
Urkünstlers, schön vertheilet. Deine Welt
135
Ist nur ein Mittelklang, doch näher schon
136
Dem hohen Einklang als den gröberen
137
Und streitenden Vortönen. Die Vernunft
138
Des Menschenvolks mit ihrer Freiheit ist
139
Das erste Auferwachen zur Natur
140
Der Seligen in wahrer Wirksamkeit
141
Und Geistesschöne. Rüste Dich hinauf
142
Und sieh nicht hinter Dich, was nach Dir bleibt!
143
Was nach Dir bleibt, eilt auch in Gottes Reich,
144
Langsamer und auf niedern Sprossen nur
145
Hinaufwärts. Laß dafür, der sie gemacht,
146
Den Vater, sorgen! Du entschüttele
147
Den schweren Staub und werde Himmelslicht
148
Und werde Ruh! Die niedern Genien
149
Der Erd' und ihrer Reiche sollen Dir,
150
Was diesem hohen Himmelsglanze viel
151
Zu niedrig wär', erklären. Steig hinab,
152
Und immer schwebe Dir der Hochgesang
153
Der sieben Stern', ihr unauflöslich Band,
154
Das Eilen, das Verschlingen ihres Laufs
155
Zum Mittelpunkt von ihrer Kraft und Art
156
Und Zweck im Ohr: so wirst Du selig sein
157
Und ruhig. Gottes Gang ist in der Nacht
158
Im Heer der Sterne und ein Sternengang
159
Voll ew'ger Harmonieen.« Da verschwand
160
Vor mir mein Genius; ich sank hinab
161
Und sah mich wiederum in meiner Hülle;
162
Ich schaut' den schönen Sternenhimmel an,
163
Wie anders jetzt! wie ruhig! Sprach zu mir:
164
»kannst Du das Band Orion's, kannst das Band
165
Der sieben Stern' auflösen?« Sprach zum Monde:
166
»wer bist Du, Tröster meiner Einsamkeit,
167
Mit Deinem matten, sanften Strahle? Mein
168
Gefährt' hienieden in der Wanderschaft,
169
Der Erde Wallfahrt, und im Tode mir
170
Vielleicht ein Ruheort, der erste Schritt
171
Des langsam zur Vollkommenheit hinauf
172
Steigenden Geistes! Paradies vielleicht
173
Mit süßen Träumen von der Unterwelt
174
Verlebten Zeiten; Paradies vielleicht
175
Mit süßern Träumen von der Oberwelt
176
Schon nahen Seligkeiten. Sanfter Mond,
177
Und Du unzählbar hohes Himmelsheer,
178
Seid Auferweckung, Licht, Erquickung mir,
179
Wenn ich auf diesem trägen Erdenstaub
180
Und seiner Unruh, seinen Schatten wieder
181
Versinke!« Ew'ger, ew'ger Nachhall ward
182
In mir der Sternenklang. Wenn oft mein Geist
183
In Newton's Wunderschöpfung ging umher
184
Und sann und maß und zählte, sprach zu mir
185
Der Himmelsgenius: »Hat Gott den Ball
186
Der Erden so gewogen, wog er nicht
187
Das Schicksal auch der Erdbewohner? Band
188
Er jede Kugel mit noch feineren
189
Als Strahlenbanden an die große Sonn',
190
Und hätte nicht die Scenen aller auch
191
Daran gebunden?« Dann ward Newton's Bau
192
Mir ein Gebäude der Unsterblichkeit,
193
Mit Erden, Welten, Sonnen aufgeführt
194
In aller Himmel Wüsten. Und mein Geist
195
Stieg fröhlich dann von Welt zu Welten fort
196
Und sang den Schöpfer stets in neuem Ton
197
Des Lobes, bis er Welten übersprang
198
Und, in dem Meer der Allvollkommenheit
199
Gebadet, selbst der Erden Führer ward! –

200
Wohin verschlägst Du, mein Gesang, im Strom
201
Der Hoffnungen und alles Sphärenklangs
202
Und aller Himmelsfluthen? Komm hinab
203
Von jenem Milch- und Strahlenufer, komm
204
Hinab zu Deiner Erde! Konnte Gott
205
Sie anders bilden, als ihr Stand und Ort,
206
Ihr Leim und ihres Lobgesanges Ton
207
Im hohen Sphärenliede forderte?
208
Und nach der Erde wardst Du, armer Mensch,
209
Von Staube Staub, zu dieser dicken Luft,
210
Zu dieser Sonnenferne, diesem Drehn
211
Und Wanken Deiner Erd' auch Du ersehn,
212
Gemacht so bildsam, daß Dein feiner Staub
213
In Nord und Süd und Ost und Westen, dort
214
In Eisgebirgen, hier im Gluthstrom lebt,
215
Im Meer hier, dort in dürrer Wüstenei,
216
Und überall der Erden Herrscher wird
217
In seines Ortes Seele. Welch ein Thier,
218
Welch anderes Geschöpf bekam wie Du
219
Die Bildsamkeit, zur Bildsamkeit Verstand,
220
Vom Baum des Schnees und der Sonnengluth
221
Die vielgefärbte, mannichfalte Frucht
222
Glückseligkeit zu brechen und das Gut
223
Der Fremde, als ob's nirgend wirklich sei,
224
Sanft zu vergessen? Preise, mein Gesang,
225
Den Geber auch für das, was er versagt,
226
Für jeden süßen Wahn der Erdenlust,
227
Der täuschenden Alleinglückseligkeit!
228
Denn muß nicht jedes Herz und jeder Blick
229
In Säften seiner Hülle froh sein? Muß
230
Nicht Schwachheit unsre liebe Dämmrung sein,
231
Die hier den Lappen, dort den Indier,
232
Den Tartar dort, den Feuerländer dort
233
Allein-glückselig macht, daß Niemand tauscht,
234
Den Andern Jeder, Keiner sich beklagt,
235
Und stirbt auf seiner armen Scholle reich
236
Und weis' und glücklich? Preis' ihn, mein Gesang,
237
Daß er des Menschen kurzes Lebensziel
238
Nach seinem Staube, seiner Erde Drehn,
239
Nach ihrer Leid- und Freuden möglichstem
240
Genuß bestimmete! So kurz der Weg
241
Dem Wanderer zu seiner Vaterstadt
242
Je werden konnte, kürzt' er ihn. Er gab
243
Der größesten, zahllosen Menschenschaar,
244
Den Kindern, schnellen, flücht'gen Durchgang nur
245
Durchs Erdenleben. Manches siehet kaum
246
Mit
247
Im süßen Vater, Mutter-Namen nur
248
Den Namen Gottes lallen und entweicht:
249
Es war ein
250
Ein Seliger, ein Engel. Dieser Baum,
251
Der frühreif schon so schöne Blüthen trug,
252
Er wirft die Blüthen ab und welkt hinweg;
253
Sie sollten, durften, konnten alle nicht
254
In dieser schweren Luft zu Früchten werden.
255
Des Mannes Feuer brennt ihm auf sein Herz,
256
In seinen Adern quillt der Flammenstrom,
257
Der früher ihn gen Himmel tragen soll:
258
Er hatte Viel in Wenigem gelebt
259
Und Viel genossen, Viel ertragen. Soll
260
Er noch die Hefen seines Bechers kau'n,
261
Die jenes Erdethier so gerne trinkt
262
Und noch nach mehrern dürstet? Alle Welt
263
Ist des Gesanges meines Gottes voll,
264
Des Zweckes seiner Schöpfung. Der Barbar
265
Und Weise, Griech' und Neuseeländer stimmt,
266
Obwol verschiednen Tons, verschiedner Höh,
267
In
268
Gemacht, die Schöpfung zu begrüßen, Gott
269
Zu nennen, Weisheit, Erdenseligkeit
270
In Tropfen oder Strömen, doch als
271
Zu kosten und mit ganzem, halbem Durst
272
Zur Quelle selbst zu wandern.« Schöpfe Muth,
273
Unglücklicher der Erde! Durchgang ist
274
Dein Leben durch die Welt; Dein Himmelsbild
275
Ist Gottgestalt: die bleibet Dir. Du bist
276
Mehr als der Adler, als der Elephant,
277
Auch Du, der Wild' und Heide,
278
Bist Vaters Ebenbild, das zu ihm eilt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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