Kommst Du wieder, heil'ge stille Mutter

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Johann Gottfried Herder: Kommst Du wieder, heil'ge stille Mutter Titel entspricht 1. Vers(1801)

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Kommst Du wieder, heil'ge stille Mutter
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Der Gestirn' und himmlischer Gedanken,
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Kommst Du zu uns wieder? Dich erwartet
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Lechzend schon die Erd', und ihre Blumen
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Beugen matt ihr Haupt, aus Deinem Kelche
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Nur zwei Tropfen Himmelsthau zu kosten;
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Und mit ihnen neiget sich ermattet
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Meine bilderüberfüllte Seele,
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Harrend, daß Dein sanfter Schwamm sie lösche
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Und mit Bildern andrer Welten tränke
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Und mein lechzend Herz mit Ruhe labe.

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Sternenreiche, goldgekrönte Göttin,
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Du, auf deren schwarzem, weitem Mantel
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Tausend Welten funkeln, die Du alle
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Sanft gebarest und ihr rastlos Wesen,
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Ihren Feuerschwung, ihr reges Kreisen
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Mit dem Arm der ew'gen Ruhe festhältst!
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Welch ein Lobgesang ertönt in allen
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Welten Dir, Du aller Sternenchöre
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Leise Führerin! Ein hohes Loblied,
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Dem der Sturm verstummet, dem die Sprache,
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Dem des Herzens Laut, dem alle Töne
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Sanft entschlummern in ein heilig Schweigen.

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Heilig Schweigen, das die Welt jetzt füllet,
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Sanfter Strom, der in den ew'gen Ufern
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Endeloser Schöpfung feiernd hinrollt!
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Und Du herrlicher Gesang der Sterne,
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Licht aus Licht, des Himmels sanfte Sprache!

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Weite Nacht umfasset meine Seele!
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Meere der Unendlichkeit umfangen
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Meinen Geist, die Himmel aller Himmel!
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Nächtlich still, ein Meer voll lichter Scenen,
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Wie das Weltmeer, voll von Feuerfunken.

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Hohe Nacht, ich knie vor Deinem Altar!
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Alle Funken des allweiten Aethers
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Sind das Stirnband Deiner heil'gen Schläfe,
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Voll von Gottesschrift. Wer kann sie lesen,
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Diese Flammenschrift des Unerschaffnen
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Auf der Stirn der Nacht? Sie spricht: »Jehovah
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Ist nur Einer, und Sein Nam' unendlich,
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Und Sein Kind die Nacht. Ihr hoher Name
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Heißt
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Deckte Niemand auf. Sie hat geboren
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Welten, Räume, Zeiten. Ihren Kindern
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Stehen ewig vor Gesetz und Ordnung,
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Lieb' und strenges Schicksal, Alle leitend,
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Alle leitend zum lebend'gen Vater.«

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Laß den Schleier sinken, heil'ge Mutter,
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Schlage zu Dein Buch voll Gottesschriften!
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Denn ich kann nicht weiter, kann nicht höher
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Klimmen in Gedanken. Neige lieber
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Her das Füllhorn Deiner Ruh und träufle,
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Träufle sanft mir zu, o Du, des Schlafes
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Und der Träume Mutter, träufle sanft mir
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Zu Vergessenheit von meinen Sorgen!

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Fühl' ich nicht, wie ihre Schlummerbinde
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Mich umhüllet, wie mit Mutterhänden
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Sie mein fallend Augenlid mir zuschließt?
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Welche Geister, die schon vor mir gaukeln!
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Angesichte, treffliche Gestalten
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Andrer Welt. Ein süßes Licht umstrahlt mich,
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Das mein wachend Auge nie gesehen.
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Welch ein Mond! o welche schöne Sterne!
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Schweb' ich? schwimm' ich? steig' ich? sink' ich nieder
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Vor dem Thron des Unerschaffnen? Engel,
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Genien sind um mich, die Gespielen
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Meines Lebens, und auch Du, mein Bruder,
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Du mein Schutzgeist, den ich nimmer kannte.
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Reichst Du mir die Hand? bist hold und freundlich?
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Ziehst mich mit in diese Lobgesänge,
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Ach, in die mein Geist verhallte?

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Schlummre wohl indeß, Du träge Bürde
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Meines Erdenganges! Ihren Mantel
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Deckt auf Dich die Nacht, und ihre Lampen
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Brennen über Dir im heil'gen Zelte.
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Gottes Wächter steigen auf und nieder
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Von den Sternen, und des Himmels Pforte
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Steht Dir offen in verborgnen Träumen.
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Aller Engel, aller Sel'gen Seelen
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Göttliches Concert; sie blicken Alle,
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Monde, Sonnen, auf – zu welcher Sonne?
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Welchem Mittelpunkt in allen Kreisen?
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Welchem Allumfasser, Allerfüller?
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Mir auf meinem Wandelstern unsichtbar,
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Nicht unsichtbar einst dem Sonnenbürger!

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Sieh! und Alle blicken so vertraulich
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Auf mich nieder! Seht Ihr mich, Ihr Sterne,
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Mich, des Staubes Staub, der ich Euch denke,
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Meine Freund' Euch nenne, die Gespielen
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Meiner süßesten, erhabnen Wollust,
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Meiner besten Ruhe stille Zeugen?

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Jünglinge des Himmels, süße Kinder
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Der verklärten Nacht, Du hold Geschwister
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Meiner Andacht, meiner Ruh und Hoffnung!
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Ach, wie glänzet Ihr so lange, lange
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Schon in Euren schönen Feierkleidern!
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Eh ich war, und eh die Erde da war,
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Und wenn ich nicht mehr, wenn lange, lange
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Sie nicht mehr ist, wenn der dumpfe, ferne
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Erdenton, das Seufzen seiner Pole
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Euer Lichtconcert nicht mehr wird stören,
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Nicht in Eure Hymnen mehr wird jammern,

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Werd' ich dann, Holdsel'ge, mit Euch ziehen?
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Blüht in Euren amaranthnen Lauben
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Auch für mich ein Kranz der Lieb' und Unschuld?
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Daß ich, stimmend ein in Euren reinen
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Jubel, auch vertraulich niederwinke,
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Einem Irrenden ein Strahl der Leitung,
109
Einem Trauernden ein Stern der Hoffnung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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