Gott

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: Gott (1789)

1
Wie nenn' ich Dich, Du Unnennbarer? Du,
2
Der Wesen Quell und Ende Seiner selbst,
3
Ein ewiger, endloser Quell, Begriff
4
Von Allem, was da lebt, genießt und ist,
5
Anfang und Ende jeder Creatur,
6
Ein ewig Sein, hoch über allem Sein,
7
Ein rastlos Weben der tiefsten Ruh,
8
Gedankenquell, aus dem, was Bild und Form,
9
Vorstellung, Wunsch und Streben ist, entsprang
10
Und stets entspringet und nach Ihm verlangt,
11
Nie Ihn erreichend, nie Ihn fassend. Du,
12
Zusammenklang der Sphären, Du, ihr Anklang
13
Und Ausklang, Kraft der Kräfte, tiefstes Sein
14
Jedweden Seins;

15
Wie fass' ich Dich, den keine Räume fassen,
16
Du nirgend und doch über-überall
17
Und allenthalben ganz, in jeder Kraft
18
Der volle Gott, wie ihn das Pünktchen Raum
19
Zu fassen nur vermag! Vor aller Zeit
20
Und in und außer aller Zeit bist Du!
21
Denn das, was Welt und Zeit und Ordnung heißt,
22
Ist nur ein Schattezug, ein Bild von Dir,
23
Für unsern Geist, nicht für den Ewigen.
24
Sein ewig Wort gebar und trägt sich selbst,
25
Entwickelt Alles, stets vollendet, stärkt
26
Und hebet Alles ohne Seiner Kraft
27
Veränderung. Der Wesen Abgrund, Fülle
28
Des Daseins: kurz, Er ist's, Er ist es gar.

29
Versenke Dich in Ihm, Gedanke! steig
30
Hin in den Abgrund aller Seligkeit
31
Und Macht und Liebe! Du, der auch von Ihm
32
Bist ein lebend'ger Schatte, bist von Ihm
33
Ein Abstrahl, ewig wie das ew'ge Licht.
34
Geneuß Dich ganz in Ihm, auf Ihm, dem Baum
35
Des Lebens, ein lebend'ger Zweig, im Meer
36
Der Allvollkommenheit ein Tropfe Du,
37
Ein Mitklang in der Wesen Harmonie.

38
Was ist's? was reichet an dies göttliche
39
Gefühl in mir der Ewigkeit, durch Gott!
40
Kein Engel, keine Macht der Schöpfung, nicht
41
Zufall noch Schicksal, weder Gegenwart
42
Noch Zukunft scheidet mich von Ihm, von Ihm!
43
Könnt' Er sich selbst zerstören? kann ein Glied
44
Des ew'gen Seins, der ew'gen Liebe sich
45
In Nichts verkehren? Tauch herab, Geschöpf,
46
Tauch tausendmal herab ins dunkle Reich
47
Des Unsichtbaren; vor Ihm ist es Tag.
48
Er selbst durchstrahlet es; Er hebet Dich,
49
Er hebet Sich in Dir, dem Sinkenden,
50
In Reichen ew'ger Ordnung neu empor.

51
O Wandelgang der Schöpfung! Labyrinth,
52
Das, dunkel uns, sich ganz von Lichte webt
53
Und, nur zu- göttlich hell, uns dunkel wird.
54
So scheint, was sich am Schnellesten bewegt,
55
Für uns zu ruhn; so schweiget unserm Ohr
56
Der lautste Sternenklang; was sich gebiert
57
Und rastlos fort gebiert, das schlummert uns;
58
Und aller Wesen Abgrund wird uns Nichts.

59
Verborgner Gott, Du mir so fern und nah,
60
Andringend mir, in meinem Innersten
61
Durchfassend mich, und will Dich die Vernunft,
62
Die Mücke, fassen, o, so findet sie
63
In Dir ihr Flammengrab. Die Eule sinnt,
64
Was Sonn' ist, zu ergründen, und ist blind.
65
Je ferner von mir ich Dich suche, je
66
Zerstückter ich Dich sehn und fassen will,
67
Je mehr ist, was ich spreche, Lästerung.

68
Im Sein nur wohnest Du, und überall
69
Ein unzertheilter Geist, ein göttlicher,
70
Umfassender Gedank', ein Gottesherz,
71
In dem wir schlummerten und schlummern, das
72
Uns neu gebiert und immer fort gebiert,
73
Uns läutert und uns immer höher treibt
74
Und mehr mich kennet, tausendfach mich mehr
75
Erfaßt und liebet als mein eigen Herz.

76
So schlage fröhlich denn, mein Herz! Du schlägst
77
Im Quell der Lieb', und dieser schlägt in Dir;
78
Auf, athme frei, mein Geist! Du athmest nicht
79
Im Erdendunst, Du athmest Aether: Gott!
80
Und schiffe froh, mein Schiff des Lebens! Sturm
81
Und Welle mag Dir nichts; Dein Hafen ist,
82
Dein Anker, selbst Dein Schiffbruch ist in Gott.

83
Mein Herz eröffnet sich, es schließt sich auf,
84
Es wallt in mir, die Quelle meiner Ruh.
85
Mein Vater und mein Gott, durch den ich bin,
86
Was ich nur bin und lebe; Du, der mich
87
Durchdachte, da ich noch nicht war, der mich
88
Durchfühlt', als er versagt' und gab,
89
Der in der Wesen Chor mich stellte, mich,
90
Den leisen Ton, zum großen, großen All,
91
Die Harmonie auf Seiner Harfe; Du
92
Mein Vater, mein Erforscher, tiefster Freund,
93
Der, eh ich rufe, hört, der meiner Noth
94
Abhilft, eh ich sie seh', und edel schweigt;
95
O Schutzgott meiner Tage, der Du mir
96
So oft im Durst Labsal, der Du mir Quell
97
Wie Echo in der Wüste warst; ein Freund,
98
Der einsam mich erquickte, dessen Spur
99
Ich vor und bei mir sah, und hörte stets
100
In Wohl und Weh, in Freud' und Traurigkeit
101
Den Zuspruch Seines Herzens an mein Herz.
102
O Freund, wenn ich an Dir verzweifelte,
103
Wenn ich Dich leugnete, so leugne mich!

104
Wolan, mein Herz! – Auch in der Fehler, in
105
Der Missethat Vergeltung fandest Du
106
Niemals den neidischen, rachgierigen,
107
Du fandest stets den linden, milden Gott,
108
Der sanft verzeihend straft, nur Ahndung winkt
109
Und tödtend schafft und hart verbindend heilt,
110
Der Flecken abwäscht mit der Liebe Hand,
111
Und wenn er Dir den Fehl nur hat gezeigt,
112
Ihn Andern decket zu. Auf! faß ein Herz,
113
Mein Herz, und siehe scharf den Spiegel an,
114
Der, was nicht Bild des Ew'gen ist, Dir zeigt,
115
Der, was Dich brennen wird, Dir nie verhehlt!
116
Erfaß den Guten, der in Dir die Kraft
117
Zu wachsen, der Dir Läutrungsfeuer ist,
118
Dich auszubrennen, Dir zu leuchten, Licht,
119
Dich zu erquicken, Trost, zu hoffen, Muth
120
Und Deinem Herzen wachsend süße Ruh.
121
Eins ist der Ewige! im Einen wohnt
122
Wahrheit und Leben, Göttlichkeit und Ruh.
123
Getheilt ist unvollkommen;

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.