Stanzen

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Johann Gottfried Herder: Stanzen (1789)

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Im ersten Herbst von meinen Lebensjahren,
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Nachdem mich mancher schwere Tag gedrückt,
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Nachdem ich beiderlei Geschick erfahren,
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Das eigne Schuld und fremdes Glück uns schickt,
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Auch mancherlei Gespenst des Wunderbaren
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Und manche Lieb' und Huldgestalt erblickt,
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Rief eine Stimme mich, jenseit der Höhen
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Das Land der Abenteu'r und Kunst zu sehen.

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»lebt,« sprach ich, »lebet wohl, Ihr, meine Freude,
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Mein Trost und meiner Wünsche kleine Schaar,
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Ihr, deren Anblick mir in manchem Leide
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Ein Nektartropfe vom Olympus war;
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Und Du, an der ich meine Seele weide,
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Die mir mich selbst, die mir mein Glück gebar –
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Lebt Alle wohl und laßt mich jetzt verschwinden,
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Bald neu verjüngt Euch freudig wiederfinden!«

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»leb wohl,« so sprach mit Schluchzen und mit Weinen
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Großmüthig Ariadne, »lebe wohl!«
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Und schlang den Arm um mich und unsre Kleinen;
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Noch hör' ich es, wie ihre Stimme scholl,
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Noch seh' ich mir ihr liebes Bild erscheinen,
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Die Hände ringend, rufend: »Lebe wohl!«
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Und bin gewiß, so lang' der Ton mich leitet,
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Daß nie mein Schritt, nie meine Hoffnung gleitet.

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Ich schied; und über Nebel, Berg' und Thale
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Zog mich der Weg ins schöne Frankenland,
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Wo ich bei manchem alten Ehrenmale
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Der deutschen Kunst auch deutsche Sitten fand
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Und, wie vorübergleitend mit dem Strahle
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Der Sonne, manches gute Herz gekannt.
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So glitt ich sanft hinab, und mit Vergnügen
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Sah ich im Geist die Alpen vor mir liegen.

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Ach! aber da umfing in Augsburg's Mauern
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Mich welch ein böser, fürchterlicher Traum!
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Schreckbilder sah ich vor mir, um mich lauern;
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Ich sah und traute meinen Augen kaum.
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»was hilft Dir,« sprach ich, »Deine Angst, Dein Trauern?
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Gieb Deinem Herzen, Deinen Blicken Raum!«
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Und sieh, da kam, von Westen hergetragen,
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Pandora an auf Epimetheus' Wagen.

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»ich komme nicht um mich, nur Eurethalben;
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Verschönen will ich Euer Wandeln Euch.«
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So sprach sie, duftend ihrer Büchse Salben,
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Als öffnete sie uns Cytherens Reich.
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»uns werden Rosen blühn; die welken, fallen,
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Verwandeln sich vor uns in Knöspchen gleich.«
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So sprach sie; aber ach, Ihr guten Stunden,
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Ihr waret mir, mir war mein Glück verschwunden!

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Wie zog ich mich auf grauer Alpen Rücken,
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Beschwert im Herzen, mühsam auf und ab!
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Jedweder Fels schien ächzend mich zu drücken,
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Jedwedes Thal schien meiner Wünsche Grab;
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Und als mit neuem, wonnigem Entzücken
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Verona seinen Schooß dem Blicke gab,
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Da sprach zu mir, nie werd' ich es vergessen,
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Ein Geist herab vom Gipfel der Cypressen.

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Ich stand, der Abendsonne mich zu freuen,
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Und übersah die weite Lombardei.
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»woher,« sprach ich, »o Geist, dies Mißgedeihen
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Schuldloser Wünsche? sprich, woher es sei?«
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»die alte Schuld unwahrer Buhlereien!«
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So sprach der Geist und rauschte sanft vorbei.
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»statt jetzt dies Land in Friede zu genießen,
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Kommst Du hieher, für alte Schuld zu büßen.

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Verwöhnt von Deinen nur zu milden Sternen,
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Schien Dir zu arm des Lebens reichstes Glück.
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Was Du genossen, sollst Du kennen lernen;
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Denn nur im Darben sieht der Thor zurück.
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Drum hieß von Deinen Lieben Dich entfernen
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Dein günstiges, Dein besserndes Geschick.
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Du sollst, um Deine Weisheit neu zu üben,
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Jetzt

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Nie hast Du im Geräusch der Welt den Frieden
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Des eignen Herzens sittsam Dir bewahrt,
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Nie zwischen Mensch und Menschen unterschieden,
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Nie eingesehn, was für ein Glück Dir ward,
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Es zu betrüben, nie genug vermieden,
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Es zu genießen, nie genug gespart;
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Dafür den treusten Herzen jetzt entnommen,
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Bist Du hieher ins Land der Künste kommen.«

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Er sprach's; und ach, wie wahr hast Du gesprochen,
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Geist der Cypresse, wie so grausam wahr!
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Ihr guten Herzen seid genug gerochen;
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Ich sehe mich und Euch so hell und klar.
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Was thätig und unthätig ich verbrochen,
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Macht jeder Schritt mir kund und offenbar.
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Ich seh', ich mußte mich von Euch entfernen
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Und durch Verlust des Lebens Weisheit lernen.

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Dank also Euch, Ihr göttlichen Medusen,
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Die mich gelehrt, daß Ihr Medusen seid!
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Dank Euch, Ihr todten Künste, kalte Musen,
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Zerfallne Mauern, Grab der Eitelkeit!
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Wenn je dem falschen, je dem Marmorbusen
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Statt wahrer Herzen Weihrauch ich gestreut,
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So nehmt von mir den letzten Zoll hienieden,
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Der Reue Zoll, und laßt mich ziehn in Frieden!

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Auch Euch, Ihr der Natur erhabne Scenen,
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Gebirge, Felsen, Ebnen, Ufer, Meer,
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Du Meer von Adria und Ihr Sirenen
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Parthenope's, Ihr Inseln um sie her,
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Dank Euch, daß, mit mir selbst mich zu versöhnen,
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Ihr meine Brust von Seufzern machtet schwer!
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Mit unschuldsvollem, liebeszartem Sehnen
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Weiht' ich, der Menschheit froh, Euch stille Thränen.

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Und Ihr erquicktet mich, als in Verona
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Die Sonne nieder, als sie aufwärts stieg
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In Rimini, und ich dann in Ancona
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Mich mit dem Meer vermählete und schwieg;
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Mit Dir vermählt' ich mich, o Dea Bona,
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Du gute Göttin, mit der Hoffnung Sieg,
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Und wie die Sonne war ich liebestrunken
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Aus Deinem Arm in Deinen Schooß gesunken.

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O gute Göttin, darf ich, darf ich nennen
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Den heil'gen Namen? Nenn' ich Dich Natur?
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Nenn' ich Dich Liebe? Ach, nur Dich zu kennen,
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Irr' ich umher auf alles Wissens Spur.
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Und doch, um reiner Flamm' in Dir zu brennen,
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Bedarf ich reiner Lieb' und Weisheit nur.
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Nicht Kunst, nicht Wissenschaft: die Kunst des Lebens
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Ist Wissenschaft; sonst ist die Kunst vergebens.

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Du, Göttin, weißt, daß ich an jedem Bilde
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Des schönsten Marmors Dich, nur Dich gelernt,
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Daß Du, so freundlich und mit Weisheit milde,
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Durchs Schöne mir nur den Betrug entfernt.
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Dann schlich ich mich in andere Gefilde,
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Als die man mit Palett' und Meißel lernt –
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Ich lernt' an Eurem Knie, an Eurem Busen
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Nichts als

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Und sah sie in den göttlichsten Gestalten,
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Sah Weisheit, Güte, Macht als Menschenbild,
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Sah jeder Schönheit Knospe sich entfalten,
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Sah jede Art in Menschenform gehüllt;
133
Sah Kräfte sprossen, wachsen und veralten
134
Und jeden Zweig von
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Sah hier das Licht aufgehen, steigen, schwinden
136
Und lernte stets die Menschheit wiederfinden.

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Daneben sah ich – darf ich Dich auch nennen,
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Du inhumanes, alt- und neues Rom?
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Doch wer wird Dich im Namen nicht schon kennen,
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Du Capitol und Du St. Peter's Dom?
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Du Pfuhl, aus dem, die Erde zu verbrennen,
142
Ausging ein alter und ein neuer Strom,
143
Von Kriegern einst bewohnt und Senatoren,
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Von Pfaffen jetzt bewohnt und Monsignoren.

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Ich lernte Dich und Deiner theuren Prinzen
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Und Deiner Prinzessinnen schönes Heer,
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Die Wüsten Deiner darbenden Provinzen
148
Und Deiner Wissenschaften todtes Meer;
149
Die Weisheit lernt' ich sehn mit Augen blinzen,
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Die Andacht sehn, von altem Taumel schwer,
151
Die Heuchelei mit stolzen Sklavenmienen,
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Den Knecht der Knechte, dem die Völker dienen.

153
O daß mir einst, dies Alles zu verkünden,
154
Der Erdengenius sein Buch verlieh',
155
Daß ich, wie Geister allgemach erblinden
156
Und Heilige erkranken wie ein Vieh,
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Daß ich das große Buch der Menschensünden
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Entwickeln könnt' mit seinem Wann und Wie:
159
Vom ganzen Heer Castraten-Nachtigallen
160
Sollt'

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Jedoch, mein Geist, wohin schwingst Du die Flügel
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Und moderst noch in dieser Todesgruft?
163
Erst über Ström' und Wüsten, Berg' und Hügel,
164
Bis Dich ein neuer mildrer Athem ruft;
165
Dann fühle froh der Gottheit großes Siegel,
166
Dann schweb entzückt im holden Frühlingsduft,
167
Und dann laß, süß umarmt von allen Deinen,
168
Was in Dir glänzt, auch Andern widerscheinen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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