Gesang des Deutschen

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Friedrich Hölderlin: Gesang des Deutschen (1799)

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O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
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Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd,
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Und allverkannt, wenn schon aus deiner
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Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!

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Sie ernten den Gedanken, den Geist von dir,
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Sie pflücken gern die Traube, doch höhnen sie
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Dich, ungestalte Rebe! daß du
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Schwankend den Boden und wild umirrest.

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Du Land des hohen ernsteren Genius!
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Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,
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Oft zürnt ich weinend, daß du immer
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Blöde die eigene Seele leugnest.

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Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir;
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Oft stand ich überschauend das holde Grün,
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Den weiten Garten hoch in deinen
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Lüften auf hellem Gebirg und sah dich.

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An deinen Strömen ging ich und dachte dich,
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Indes die Töne schüchtern die Nachtigall
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Auf schwanker Weide sang, und still auf
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Dämmerndem Grunde die Welle weilte.

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Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
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Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
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Die Wissenschaft, wo deine Sonne
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Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.

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Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
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Den Ölbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
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Noch lebt, noch waltet der Athener
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Seele, die sinnende, still bei Menschen,

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Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
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Am alten Strome grünt und der dürftge Mann
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Die Heldenasche pflügt, und scheu der
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Vogel der Nacht auf der Säule trauert.

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O heilger Wald! o Attika! traf Er doch
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Mit seinem furchtbarn Strahle dich auch, so bald,
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Und eilten sie, die dich belebt, die
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Flammen entbunden zum Aether über?

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Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
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Von Land zu Land. Und wir? ist denn
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Von unsern Jünglingen, der nicht ein
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Ahnden, ein Rätsel der Brust, verschwiege?

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Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
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Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
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Und täglich sühnt der holde klare
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Friede das böse Gewirre wieder.

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Wo sind jetzt Dichter, denen der Gott es gab,
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Wie unsern Alten, freudig und fromm zu sein,
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Wo Weise, wie die unsre sind? die
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Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!

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Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
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Mit neuem Namen, reifeste Frucht der Zeit!
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Du letzte und du erste aller
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Musen, Urania, sei gegrüßt mir!

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Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig Werk,
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Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
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Das einzig, wie du selber, das aus
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Liebe geboren und gut, wie du, sei –

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Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
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Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? –
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Doch wie errät der Sohn, was du den
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Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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