Die Muße

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Friedrich Hölderlin: Die Muße (1797)

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Sorglos schlummert die Brust und es ruhn die strengen Gedanken.
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Auf die Wiese geh ich hinaus, wo das Gras aus der Wurzel
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Frisch, wie die Quelle, mir keimt, wo die liebliche Lippe der Blume
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Mir sich öffnet und stumm mit süßem Othem mich anhaucht,
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Und an tausend Zweigen des Hains, wie an brennenden Kerzen
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Mir das Flämmchen des Lebens glänzt, die rötliche Blüte,
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Wo im sonnigen Quell die zufriednen Fische sich regen,
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Wo die Schwalbe das Nest mit den törigen Jungen umflattert,
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Und die Schmetterlinge sich freun und die Bienen, da wandl ich
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Mitten in ihrer Lust; ich steh im friedlichen Felde
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Wie ein liebender Ulmbaum da, und wie Reben und Trauben
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Schlingen sich rund um mich die süßen Spiele des Lebens.

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Oder schau ich hinauf zum Berge, der mit Gewölken
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Sich die Scheitel umkränzt und die düstern Locken im Winde
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Schüttelt, und wenn er mich trägt auf seiner kräftigen Schulter,
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Wenn die leichtere Luft mir alle Sinne bezaubert
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Und das unendliche Tal, wie eine farbige Wolke,
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Unter mir liegt, da werd ich zum Adler, und ledig des Bodens
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Wechselt mein Leben im All der Natur wie Nomaden den Wohnort.
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Und nun führt mich der Pfad zurück ins Leben der Menschen,
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Fernher dämmert die Stadt, wie eine eherne Rüstung
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Gegen die Macht des Gewittergotts und der Menschen geschmiedet,
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Majestätisch herauf, und ringsum ruhen die Dörfchen;
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Und die Dächer umhüllt, vom Abendlichte gerötet,
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Freundlich der häusliche Rauch; es ruhn die sorglich umzäunten
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Gärten, es schlummert der Pflug auf den gesonderten Feldern.

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Aber ins Mondlicht steigen herauf die zerbrochenen Säulen
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Und die Tempeltore, die einst der Furchtbare traf, der geheime
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Geist der Unruh, der in der Brust der Erd und der Menschen
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Zürnet und gärt, der Unbezwungne, der alte Erobrer,
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Der die Städte, wie Lämmer, zerreißt, der einst den Olympus
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Stürmte, der in den Bergen sich regt, und Flammen herauswirft,
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Der die Wälder entwurzelt und durch den Ozean hinfährt
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Und die Schiffe zerschlägt und doch in der ewigen Ordnung
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Niemals irre dich macht, auf der Tafel deiner Gesetze
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Keine Silbe verwischt, der auch dein Sohn, o Natur, ist,
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Mit dem Geiste der Ruh aus

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Hab ich zu Hause dann, wo die Bäume das Fenster umsäuseln
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Und die Luft mit dem Lichte mir spielt, von menschlichem Leben
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Ein erzählendes Blatt zu gutem Ende gelesen:
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Leben! Leben der Welt! du liegst wie ein heiliger Wald da,
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Sprech ich dann, und es nehme die Axt, wer will, dich zu ebnen,
43
Glücklich wohn ich in dir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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