Einladung an Neuffer

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Friedrich Hölderlin: Einladung an Neuffer (1791)

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Dein Morgen, Bruder, ging so schön hervor,
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So herrlich schimmerte dein Morgenrot –
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Und doch – und doch besiegt ein schwarzer Sturm
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Das hehre Licht – und wälzet schreckenvoll
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Den grimmen Donner auf dein sichres Haupt!
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O Bruder! Bruder! daß dein Bild so wahr,
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So schrecklich wahr des Lebens Wechsel deutet!
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Daß Disteln hinter Blumengängen lauern –
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Und Jammer auf die Rosenwange schielt!
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Und bleicher Tod in Jünglingsadern schleicht,
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Und bange Trennung treuer Freunde Los
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Und edler Herzen Schicksal Druck und Kummer ist!
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Da baun wir Plane, träumen so entzückt
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Vom nahen Ziel – und plötzlich, plötzlich zuckt
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Ein Blitz herab, und öffnet uns die Augen!
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Du frägst, warum dies all? – aus heller Laune.
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Ich sah im Geist sich deine Stirne wölken,
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In deiner Eingezogenheit – da ging
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Ich trüben Blicks hinab zu meinem Neckar
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Und sah in seine Wogen, bis mir schwindelte –
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Und kehrte still und voll der dunklen Zukunft,
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Und voll des Schicksals, welches unsrer wartet,
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Zurück – und setzte mich, und also ward
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Die – freilich nicht erbauliche – Tirade
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Vom ungewissen Wechsel unsers Lebens.
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Doch – komme du – du scherze mir Tiraden
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Und Ahndungen der Zukunft von der Stirne weg,
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O komm – es harret dein ein
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Stiefmütterlich soll wahrlich nicht mein Fäßchen sein.
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Und findst du schon kein Städtermahl, so würzet es
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Doch meine Freundschaft, und der Meinen guter Wille.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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