Hymne an den Genius

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Hölderlin: Hymne an den Genius (1792)

1
Heil! das schlummernde Gefieder
2
Ist zu neuem Flug erwacht,
3
Triumphierend fühl ich wieder
4
Lieb und stolze Geistesmacht;
5
Siehe! deiner Himmelsflamme,
6
Deiner Freud und Stärke voll,
7
Herrscher in der Götter Stamme!
8
Sei der kühnen Liebe Zoll.

9
Ha! der brüderlichen Milde,
10
So von deiner Stirne spricht!
11
Solch harmonisches Gebilde
12
Weidete kein Auge nicht;
13
Wie um ihn die Aare schweben,
14
Wie die Lock im Fluge weht! –
15
Wo im ungemeßnen Leben
16
Lebt so süße Majestät?

17
Lächelnd sah der Holde nieder
18
Auf die winterliche Flur,
19
Und sie lebt und liebet wieder,
20
Die entschlummerte Natur;
21
Um die Hügel und die Tale
22
Jauchz ich nun im Vollgenuß,
23
Über deinem Freudenmahle,
24
Königlicher Genius!

25
Ha! wie diese Götteraue
26
Wieder lächelt und gedeiht!
27
Alles, was ich fühl und schaue,
28
Felsen hat der Falk erschwungen,
29
Sich, wie dieses Herz, zu freun,
30
Und, von gleicher Kraft durchdrungen,
31
Strebt und rauscht der Eichenhain.

32
Unter liebendem Gekose
33
Schmieget Well an Welle sich;
34
Liebend fühlt die süße Rose,
35
Fühlt die heilge Myrte dich;
36
Tausend frohe Leben winden
37
Schüchtern sich um Tellus Brust,
38
Und dem blauen Aether künden
39
Tausend Jubel deine Lust.

40
Doch des Herzens schöne Flamme,
41
Die mir deine Huld verlieh,
42
Herrscher in der Götter Stamme!
43
Süßer, stolzer fühl ich sie;
44
Deine Frühlinge verblühten,
45
Manch Geliebtes welkte dir; –
46
Wie vor Jahren sie erglühten,
47
Glühen Herz und Stirne mir.

48
O! du lohnst die stille Bitte
49
Noch mit innigem Genuß,
50
Leitest noch des Pilgers Tritte
51
Zu der Freude Götterkuß;
52
Mit der Balsamtropfe kühlen
53
Hoffnungen die Wunde doch,
54
Süße Täuschungen umspielen
55
Doch die dürren Pfade noch.

56
Jedem Adel hingegeben,
57
Jeder lesbischen Gestalt,
58
Huldiget das trunkne Leben
59
Noch der Schönheit Allgewalt;
60
Törig hab ich oft gerungen,
61
Dennoch herrscht zu höchster Lust,
62
Herrscht zu süßen Peinigungen
63
Liebe noch, in dieser Brust.

64
An der alten Taten Heere
65
Weidet noch das Auge sich.
66
Ha! der großen Väter Ehre
67
Spornet noch zum Ziele mich;
68
Rastlos, bis in Plutons Hallen
69
Meiner Sorgen schönste ruht,
70
Die erkorne Bahn zu wallen,
71
Fühl ich Stärke noch und Mut.

72
Wo die Nektarkelche glühen,
73
Seiner Siege Zeus genießt,
74
Und sein Aar, von Melodien
75
Süß berauscht, das Auge schließt,
76
Wo, mit heilgem Laub umwunden,
77
Der Heroën Schar sich freut,
78
Fühlt noch oft, von dir entbunden,
79
Meine Seele Göttlichkeit.

80
Preis, o Schönster der Dämonen!
81
Preis dir, Herrscher der Natur!
82
Auch der Götter Regionen
83
Blühn durch deine Milde nur;
84
Trübte sich in heilgem Zorne
85
Je dein strahlend Angesicht –
86
Ha! sie tränken aus dem Borne
87
Ewger Lust und Schöne nicht!

88
Eos, glühend vom Genusse,
89
Durch die Liebe schön und groß,
90
Wände sich von Tithons Kusse
91
Alternd und verkümmert los;
92
Der in königlicher Eile
93
Lächelnd durch den Aether wallt,
94
Phoebus trauert' um die Pfeile,
95
Um die Kühnheit und Gestalt.

96
Träg zu lieben, und zu hassen,
97
Ganz, von ihrer Siegeslust,
98
Ihrer wilden Kraft verlassen,
99
Schlummert' Ares stolze Brust;
100
Ha! den Todesbecher tränke
101
Selbst des Donnergottes Macht! –
102
Erd und Firmament versänke
103
Wimmernd in des Chaos Nacht.

104
Doch in namenlosen Wonnen
105
Feiern ewig Welten dich,
106
In der Jugend Strahlen sonnen
107
Ewig alle Geister sich; –
108
Mag des Herzens Glut erkalten,
109
Mag im langen Kampfe mir
110
Jede süße Kraft veralten,
111
Neuverschönt erwacht sie dir!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.