Hymne an die Schönheit

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Friedrich Hölderlin: Hymne an die Schönheit (1791)

1
Hab ich vor der Götter Ohren,
2
Zauberische Muse, dir
3
Lieb und Treue nicht geschworen?
4
Sankst du nicht in Lust verloren
5
Glühend in die Arme mir? –
6
Ha! so wall ich ohne Zagen,
7
Durch die Liebe froh und kühn,
8
Lächelnd zu den Höhen hin,
9
Wo die letzten Nächte tagen,
10
Wo der Sonnen letzte schien.

11
Waltend über Orionen,
12
Wo der Sterne Klang verhallt,
13
Lächelt, opfernden Dämonen
14
Mit der Liebe Blick zu lohnen,
15
Dort dem hohen Götterglanze
16
Der Gebieterin zu nahn,
17
Flammet Lieb und Stolz mich an,
18
Denn mit hellem Siegeskranze
19
Lohnet sie die kühne Bahn.

20
Reinere Begeisterungen
21
Trinkt die freie Seele schon,
22
Meines Lebens Peinigungen
23
Hat die neue Lust verschlungen,
24
Nacht und Wolke sind entflohn;
25
Wann im schreckenden Gerichte
26
Schnell der Welten Achse bricht,
27
Hier erbebt die Liebe nicht,
28
Wo von
29
Lieb und Göttergröße spricht.

30
Stiegst du so zur Erde nieder,
31
Hohe süße Zauberin!
32
Ha! der Staub erwachte wieder
33
Und des Kummers morsche Glieder
34
Hüpften üppig vor dir hin;
35
Von der Liebe Blick betroffen
36
Bebt' und küßte brüderlich
37
Groll und wilder Hader sich,
38
Wie der Himmel, hell und offen
39
Grüßten Wahn und Irre dich.

40
Schon im grünen Erdenrunde
41
Schmeckt ich hohen Vorgenuß,
42
Bebend dir am Göttermunde
43
Trank ich früh der Weihestunde
44
Süßen mütterlichen Kuß;
45
Fremde meinem Kindersinne
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Folgte mir zu Wies und Wald
47
Die arkadische Gestalt.
48
Ha! und staunend ward ich inne
49
Ihres Zaubers Allgewalt.

50
In den Tiefen und den Höhen
51
Der erfreuenden Natur
52
Fand ich, Wonne zu erspähen
53
Von der Holdin ausersehen,
54
Liebetrunken ihre Spur;
55
Wo das Tal der Blumenhügel
56
Freundlich in die Arme schloß,
57
Wo die Quelle niederfloß
58
In den klaren Wasserspiegel,
59
Fand ich Spuren, hold und groß!

60
Glühend an der Purpurwange
61
Sanft berührt vom Lockenhaar,
62
Von der Lippe, süß und bange
63
Bebend in dem Liebesdrange,
64
Vom geschloßnen Augenpaar, –
65
In der hohen Meisterzüge
66
Wonniglicher Harmonie,
67
In der Stimme Melodie
68
Fand, verraten ihrem Siege,
69
Fand die trunkne Seele Sie.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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