Kanton Schweiz

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Hölderlin: Kanton Schweiz (1791)

1
Hier, in ermüdender Ruh, im bittersüßen Verlangen,

2
Da zu sein, wo mein Herz, und jeder beßre Gedank ist,
3
Reichet doch Erinnerung mir den zaubrischen Becher
4
Schäumend und voll, und hoher Genuß der kehrenden Bilder
5
Weckt die schlummernden Fittige mir zu trautem Gesange.

6
Bruder! dir gab ein Gott der Liebe göttlichen Funken,

7
Zarten geläuterten Sinn, zu erspähn, was herrlich und schön ist;
8
Stolzer Freiheit glühet dein Herz, und kindlicher Einfalt –
9
Bruder! komm und koste mit mir des zaubrischen Bechers.

10
Dort, wo der Abendstrahl die Westgewölke vergüldet,

11
Dorthin wende den Blick, und weine die Träne der Sehnsucht!
12
Ach! dort wandelten wir! dort flog und schwelgte das Auge
13
Unter den Herrlichkeiten umher! – wie dehnte der Busen,
14
Diesen Himmel zu fassen, sich aus! – wie brannte die Wange
15
Süß von Morgenlüften gekühlt, als unter Gesängen
16
Lieber! wie drücktest du mir die heiße, zitternde Rechte,
17
Sahst so glühend und ernst mich an im donnernden Rheinsturz!
18
Aber selig, wie du, o Tag am Quelle der Freiheit!
19
Festlich, wie du, sank keiner auf uns vom rosigen Himmel.

20
Ahndung schwellte das Herz. Schon war des feiernden Klosters

21
Ernste Glocke verhallt. Schon schwanden die friedlichen Hütten
22
Rund an Blumenhügeln umher, am rollenden Gießbach,
23
Unter Fichten im Tal, wo dem Ahn in heiliger Urzeit
24
Füglich deuchte der Grund zum Erbe genügsamer Enkel.
25
Schaurig und kühl empfing uns die Nacht in ewigen Wäldern,
26
Und wir klommen hinauf am furchtbarherrlichen
27
Nächtlicher immer wards und enger im Riesengebürge.
28
Jäher herunter hing der Pfad zu den einsamen Wallern.
29
Dicht zur Rechten donnert hinab der zürnende Waldstrom:
30
Nur sein Donner berauscht den Sinn. Die schäumenden Wogen
31
Birgt uns Felsengesträuch, und modernde Tannen am Abhang,
32
Vom Orkane gestürzt. – Nun tagte die Nacht am Gebirge
33
Schaurig und wundersam, wie Heldengeister am Lego,
34
Wälzten sich kämpfende Wolken heran auf schneeiger Heide.
35
Sturm und Frost entschwebte der Kluft. Vom Sturme getragen
36
Schrie und stürzte der Aar, die Beut im Tale zu haschen.
37
Und der Wolken Hülle zerriß, und im ehernen Panzer
38
Kam die Riesin heran, die majestätische Myten.
39
Staunend wandelten wir vorüber. – Ihr Väter der Freien!
40
Heilige Schar! nun schaun wir hinab, hinab, und erfüllt ist,
41
Was der Ahndungen kühnste versprach; was süße Begeistrung
42
Einst mich lehrt' im Knabengewande, gedacht ich des hohen
43
Hirten in Mamres Hain und der schönen Tochter von Laban,
44
Ach! es kehrt so warm in die Brust; – Arkadiens Friede,
45
Köstlicher, unerkannter, und du, allheilige Einfalt,
46
Wie so anders blüht in eurem Strahle die Freude! –
47
Vor entweihendem Prunk, vor Stolz und knechtischer Sitte
48
Von den ewigen Wächtern geschirmt, den Riesengebirgen,
49
Lachte das heilige Tal uns an, die Quelle der Freiheit.
50
Freundlich winkte der See
51
Seiner Arme verbarg die schwarze Kluft im Gebirge:
52
Freundlicher sahn aus der Tiefe herauf, in blühende Zweige
53
Reizend verhüllt, und kindlichfroh der jauchzenden Herde
54
Und des tiefen Grases umher, die friedsamen Hütten.
55
Und wir eilten hinab in Liebe; kosteten lächelnd
56
Auf dem Pfade des Sauerklees, und erfrischender Ampfer,
57
Bis der begeisternde Sohn der schwarzen italischen Traube,
58
Uns mit Lächeln gereicht in der herzerfreuenden Hütte,
59
Neues Leben in uns gebar, und die schäumenden Gläser
60
Unter Jubelgesang erklangen, zur Ehre der Freiheit.
61
Lieber! wie war uns da! – bei solchem Mahle begehret
62
Nichts auf Erden die Brust, und alle Kräfte gedeihen.

63
Lieber! er schwand so schnell, der köstliche Tag; in der kühlen

64
Dämmerung schieden wir; an den Heiligtümern der Freiheit
65
Wallten wir dann vorbei in frommer seliger Stille,
66
Faßten sie tief ins Herz, und segneten sie, und schieden!

67
Lebt dann wohl, ihr Glücklichen dort! im friedsamen Tale

68
Lebe wohl, du Stätte des Schwurs!
69
Als in heiliger Nacht der ernste Bund dich besuchte.
70
Herrlich Gebirg! wo der bleiche Tyrann den Knechten vergebens,
71
Zahm und schmeichlerisch Mut gebot – zu gewaltig erhub sich
72
Wider den Trotz die gerechte, die unerbittliche Rache –
73
Lebe wohl, du herrlich Gebirg
74
Opferblut – es wehrte der Träne der einsame Vater.
75
Schlummre sanft, du Heldengebein! o schliefen auch wir dort
76
Deinen eisernen Schlaf, dem Vaterlande geopfert,
77
Walthers Gesellen und Tells, im schönen Kampfe der Freiheit!

78
Könnt ich dein vergessen, o Land, der göttlichen Freiheit!

79
Froher wär ich; zu oft befällt die glühende Scham mich,
80
Und der Kummer, gedenk ich dein, und der heiligen Kämpfer.
81
Ach! da lächelt Himmel und Erd in fröhlicher Liebe
82
Mir umsonst, umsonst der Brüder forschendes Auge.
83
Doch ich vergesse dich nicht! ich hoff und harre des Tages,
84
Wo in erfreuende Tat sich Scham und Kummer verwandelt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.