Hymne an die Göttin der Harmonie

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Friedrich Hölderlin: Hymne an die Göttin der Harmonie (1790)

1
Froh, als könnt ich Schöpfungen beglücken,
2
Kühn, als huldigten die Geister mir,
3
Nahet, in dein Heiligtum zu blicken,
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Hocherhabne! meine Liebe dir;
5
Schon erglüht der wonnetrunkne Seher
6
Von den Ahndungen der Herrlichkeit,
7
Ha, und deinem Götterschoße näher
8
Höhnt des Siegers Fahne Grab und Zeit.

9
Tausendfältig, wie der Götter Wille,
10
Weht Begeisterung den Sänger an,
11
Unerschöpflich ist der Schönheit Fülle,
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Grenzenlos der Hoheit Ozean.
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Doch vor allem hab ich dich erkoren,
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Bebend, als ich ferne dich ersah,
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Bebend hab ich Liebe dir geschworen,
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Königin der Welt! Urania.

17
Was der Geister stolzestes Verlangen
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In den Tiefen und den Höhn erzielt,
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Hab ich allzumal in dir empfangen,
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Sint dich ahndend meine Seele fühlt.
21
Dir entsprossen Myriaden Leben,
22
Als die Strahlen deines Angesichts,
23
Wendest du dein Angesicht, so beben
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Und vergehn sie, und die Welt ist Nichts.

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Thronend auf des alten Chaos Wogen,
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Majestätisch lächelnd winktest du,
27
Und die wilden Elemente flogen
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Liebend sich auf deine Winke zu.
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Froh der seligen Vermählungsstunde
30
Schlangen Wesen nun um Wesen sich,
31
In den Himmeln, auf dem Erdenrunde
32
Sahst du, Meisterin! im Bilde dich. –

33
Ausgegossen ist des Lebens Schale,
34
Bächlein, Sonnen treten in die Bahn,
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Liebetrunken schmiegen junge Tale
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Sich den liebetrunknen Hügeln an:
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Schön und stolz wie Göttersöhne hangen
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Felsen an der mütterlichen Brust,
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Von der Meere wildem Arm umfangen,
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Bebt das Land in niegefühlter Lust.

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Warm und leise wehen nun die Lüfte,
42
Liebend sinkt der holde Lenz ins Tal:
43
Haine sprossen an dem Felsgeklüfte,
44
Gras und Blumen zeugt der junge Strahl.
45
Siehe, siehe, vom empörten Meere,
46
Von den Hügeln, von der Tale Schoß,
47
Winden sich die ungezählten Heere
48
Freudetaumelnder Geschöpfe los.

49
Aus den Hainen wallt ins Lenzgefilde
50
Himmlischschön der Göttin Sohn hervor,
51
Den zum königlichen Ebenbilde
52
Sie im Anbeginne sich erkor:
53
Sanftbegrüßt von Paradiesesdüften
54
Steht er wonniglichen Staunens da,
55
Und der Liebe großen Bund zu stiften,
56
Singt entgegen ihm Urania:

57
»komm, o Sohn! der süßen Schöpfungsstunde
58
Auserwählter, komm und liebe mich!
59
Meine Küsse weihten dich zum Bunde,
60
Hauchten Geist von meinem Geist in dich. –
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Meine Welt ist deiner Seele Spiegel,
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Meine Welt, o Sohn! ist Harmonie,
63
Freue dich! Zum offenbaren Siegel
64
Meiner Liebe schuf ich dich und sie.

65
Trümmer ist der Wesen schöne Hülle,
66
Knüpft sie meiner Rechte Kraft nicht an.
67
Mir entströmt der Schönheit ewge Fülle,
68
Mir der Hoheit weiter Ozean.
69
Danke mir der zauberischen Liebe,
70
Mir der Freude stärkenden Genuß,
71
Deine Tränen, deine schönsten Triebe
72
Schuf, o Sohn! der schöpferische Kuß.

73
Herrlicher mein Bild in dir zu finden,
74
Haucht ich Kräfte dir und Kühnheit ein,
75
Meines Reichs Gesetze zu ergründen,
76
Schöpfer meiner Schöpfungen zu sein.
77
Nur im Schatten wirst du mich erspähen,
78
Aber liebe, liebe mich, o Sohn!
79
Drüben wirst du meine Klarheit sehen,
80
Drüben kosten deiner Liebe Lohn.«

81
Nun, o Geister! in der Göttin Namen,
82
Die uns schuf im Anbeginn der Zeit,
83
Uns, die Sprößlinge von ihrem Samen,
84
Uns, die Erben ihrer Herrlichkeit,
85
Kommt zu feierlichen Huldigungen
86
Mit der Seele ganzer Götterkraft,
87
Mit der höchsten der Begeisterungen
88
Schwört vor ihr, die schuf und ewig schafft.

89
Frei und mächtig, wie des Meeres Welle,
90
Rein wie Bächlein in Elysium,
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Sei der Dienst an ihres Tempels Schwelle,
92
Sei der Wahrheit hohes Priestertum.
93
Nieder, nieder mit verjährtem Wahne!
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Stolzer Lüge Fluch und Untergang,
95
Ruhm der Weisheit unbefleckter Fahne,
96
Den Gerechten Ruhm und Siegsgesang!

97
Ha, der Lüge Quell – wie tot und trübe!
98
Kräftig ist der Weisheit Quell und süß!
99
Geister! Brüder! dieser Quell ist Liebe,
100
Ihn umgrünt der Freuden Paradies.
101
Von des Erdelebens Tand geläutert,
102
Ahndet Götterlust der zarte Sinn,
103
Von der Liebe Labetrunk erheitert,
104
Naht die Seele sich der Schöpferin.

105
Geister! Brüder! unser Bund erglühe
106
Von der Liebe göttlicher Magie.
107
Unbegrenzte, reine Liebe ziehe
108
Freundlich uns zur hohen Harmonie.
109
Sichtbar adle sie die treuen Söhne,
110
Schaff in ihnen Ruhe, Mut und Tat,
111
Und der heiligen Entzückung Träne,
112
Wenn Urania der Seele naht.

113
Siehe, Stolz und Hader ist vernichtet,
114
Trug ist nun und blinde Lüge stumm,
115
Streng ist Licht und Finsternis gesichtet,
116
Rein der Wahrheit stilles Heiligtum.
117
Unsrer Wünsche Kampf ist ausgerungen,
118
Himmelsruh errang der heiße Streit,
119
Und die priesterlichen Huldigungen
120
Lohnet göttliche Genügsamkeit.

121
Stark und selig in der Liebe Leben
122
Staunen wir des Herzens Himmel an,
123
Schnell wie Seraphin im Fluge, schweben
124
Wir zur hohen Harmonie hinan.
125
Das vermag die Saite nicht zu künden,
126
Was Urania den Sehern ist,
127
Wenn von hinnen Nacht und Wolke schwinden,
128
Und in ihr die Seele sich vergißt.

129
Kommt den Jubelsang mit uns zu singen,
130
Denen Liebe gab die Schöpferin!
131
Millionen, kommt emporzuringen
132
Im Triumphe zu der Königin!
133
Erdengötter, werft die Kronen nieder!
134
Jubelt, Millionen fern und nah!
135
Und ihr Orione, hallt es wider:
136
Heilig, heilig ist Urania!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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