Melodie

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Friedrich Hölderlin: Melodie (1790)

1
Lyda, siehe! zauberisch umwunden
2
Hält das All der Liebe Schöpferhand,
3
Erd und Himmel wandeln treu verbunden,
4
Lüftchen säuseln, Donner rollen nieder –
5
Staune, Liebe! staun und freue dich!
6
Seelen finden sich im Donner wieder,
7
Seelen kennen in dem Lüftchen sich.

8
Am Gesträuche lullt in Liebesträume
9
Süße Trunkenheit das Mädchen ein,
10
Haucht der Frühling durch die Blütenbäume,
11
Summen Abendsang die Käferlein;
12
Helden springen von der Schlummerstätte,
13
Grüßt sie brüderlich der Nachtorkan;
14
Hinzuschmettern die Tyrannenkette,
15
Wallen sie die traute Schreckenbahn.

16
Wo der Totenkranz am Grabe flüstert,
17
Wo der Wurm in schwarzen Wunden nagt,
18
Wo, vom grauen Felsenstrauch umdüstert,
19
Durch die Heide hin der Rabe klagt,
20
Wo die Lerch im Tale froher Lieder,
21
Plätschernd die Forell im Bache tanzt,
22
Tönt die Seele Sympathieen wieder,
23
Von der Liebe Zauber eingepflanzt.

24
Wo des Geiers Schrei des Raubs sich freuet,
25
Wo der Aar dem Felsennest entbraust,
26
Wo Gemäuer ächzend niederdräuet,
27
Wo der Wintersturm in Trümmern saust,
28
Wo die Woge, vom Orkan bezwungen,
29
Wieder auf zum schwarzen Himmel tost,
30
Trinkt das Riesenherz Begeisterungen,
31
Von den Schmeicheltönen liebgekost.

32
Felsen zwingt zu trauten Mitgefühlen
33
Tausendstimmiger Naturgesang,
34
Aber süßer tönt von Saitenspielen
35
Allgewaltiger ihr Zauberklang;
36
Rascher pocht im angestammten Triebe,
37
Bang und süße, wie der jungen Braut,
38
Jeder Aderschlag, in trunkner Liebe
39
Findt das Herz den brüderlichen Laut.

40
Aus des Jammerers erstarrtem Blicke
41
Locket Labetränen Flötenton,
42
Im Gedränge schwarzer Mißgeschicke
43
Schafft die Schlachttrommete Siegeslohn,
44
Wie der Stürme Macht im Rosenstrauche,
45
Reißt dahin der Saiten Ungestüm,
46
Kosend huldiget dem Liebeshauche
47
Sanfter Melodie der Rache Grimm.

48
Reizender erglüht der Wangen Rose,
49
Flammenatem haucht der Purpurmund,
50
Hingebannt bei lispelndem Gekose
51
Schwört die Liebe den Vermählungsbund;
52
Niegesungne königliche Lieder
53
Sprossen in des Sängers Brust empor,
54
Stolzer schwebt des Hochgesangs Gefieder,
55
Rührt der Töne Reigentanz das Ohr,

56
Wie sie langsam erst am Hügel wallen,
57
Majestätisch dann wie Siegersgang,
58
Hochgehoben zu der Freude Hallen,
59
Liebe singen und Triumphgesang,
60
Dann durch Labyrinthe hingetragen
61
Fürder schleichen in dem Todestal,
62
Bis die Nachtgefilde schöner tagen,
63
Bis Entzückung jauchzt am Göttermahl.

64
Ha! und wann mir in des Sanges Tönen
65
Näher meiner Liebe Seele schwebt,
66
Hingegossen in Entzückungstränen
67
Näher ihr des Sängers Seele bebt,
68
Wähn ich nicht vom Körper losgebunden
69
Hinzujauchzen in der Geister Land? –
70
Lyda! Lyda! zauberisch umwunden
71
Hält das All der Liebe Schöpferhand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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