Lied der Freundschaft

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Friedrich Hölderlin: Lied der Freundschaft (1806)

1
Wie der Held am Siegesmahle
2
Ruhen wir um die Pokale,
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Wo der edle Wein erglüht,
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Feurig Arm in Arm geschlungen,
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Trunken von Begeisterungen
6
Singen wir der Freundschaft Lied

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Schwebt herab aus kühlen Lüften,
8
Schwebet aus den Schlummergrüften,
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Helden der Vergangenheit!
10
Kommt in unsern Kreis hernieder,
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Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,
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Unsre deutsche Herzlichkeit!

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Uns ist Wonne, Gut und Leben
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Für den Edlen hinzugeben,
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Der für unser Herz gehört,
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Der zu groß, in stolzen Reigen
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Sich vor eitlem Tand zu beugen,
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Gott und Vaterland nur ehrt.

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Schon erhebt das Herz sich freier,
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Wärmer reicht zur frohen Feier
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Schon der Freund den Becher dar,
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Ohne Freuden, ohne Leben
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Kostet' er den Saft der Reben,
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Als er ohne Freunde war.

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Bruder! schleichen bang und trübe
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Deine Tage? beugt der Liebe
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Folterpein das Männerherz?
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Stürzt im heißen Durst nach Ehre
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Dir um Mitternacht die Zähre?
30
Bruder, segne deinen Schmerz!

31
Könnten wir aus Götterhänden
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Freuden dir und Leiden spenden,
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Ferne wärst du da von Harm;
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Weiser ist der Gott der Liebe:
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Sorgen gibt er bang und trübe,
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Freunde gibt er treu und warm.

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Stärke, wenn Verleumder schreien,
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Wahrheit, wenn Despoten dräuen,
39
Männermut im Mißgeschick,
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Duldung, wenn die Schwachen sinken,
41
Liebe, Duldung, Wärme trinken
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Freunde von des Freundes Blick.

43
Lieblich, wie der Sommerregen,
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Reich, wie er, an Erntesegen,
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Wie die Perle klar und hell,
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Still, wie Edens Ströme gleiten,
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Endlos, wie die Ewigkeiten,
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Fleußt der Freundschaft Silberquell.

49
Drum, so wollen, eh die Freuden
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Trennungen und Tode neiden,
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Wir im hehren Eichenhain
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Oder unter Frühlingsrosen,
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Wenn am Becher Weste kosen,
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Würdig uns der Freundschaft freun.

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Rufet aus der trauten Halle
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Auch die Auserwählten alle
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In die Ferne das Geschick,
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Bleibt, auf freundelosen Pfaden
59
Hinzugehn, mit Schmerz beladen,
60
Tränend

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Wankt er nun in Winterstürmen,
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Wankt er, wo sich Wolken türmen
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Ohne Leiter, ohne Stab,
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Lauscht er abgebleicht und düster
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Bangem Mitternachtsgeflüster
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Ahndungsvoll am frischen Grab,

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O da kehren all die Stunden
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Lächelnd, wie sie hingeschwunden
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Unter Schwüren, wahr und warm,
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Still und sanft, wie Blumen sinken,
71
Ruht er, bis die Väter winken,
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Dir, Erinnerung! im Arm.

73
Rauscht ihm dann des Todes Flügel,
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Schläft er ruhig unterm Hügel,
75
Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,
76
In den Locken seiner Brüder
77
Säuselt noch sein Geist hernieder,
78
Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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