Lied der Freundschaft

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Friedrich Hölderlin: Lied der Freundschaft (1790)

1
Frei, wie Götter an dem Mahle,
2
Singen wir um die Pokale,
3
Wo der edle Trank erglüht,
4
Voll von Schauern, ernst und stille,
5
In des Dunkels heilger Hülle
6
Singen wir der Freundschaft Lied.

7
Schwebt herab aus kühlen Lüften,
8
Schwebet aus den Schlummergrüften,
9
Helden der Vergangenheit!
10
Kommt in unsern Kreis hernieder,
11
Staunt und sprecht: Da ist sie wieder,
12
Unsre deutsche Herzlichkeit.

13
Singe von ihr Jubellieder,
14
Von der Wonne deutscher Brüder,
15
Chronos! in dem ewgen Lauf;
16
Singe, Sohn der Afterzeiten!
17
Sing: Elysens Herrlichkeiten
18
Wog ein deutscher Handschlag auf.

19
Ha! der hohen Götterstunden!
20
Wann der Edle sich gefunden,
21
Der für unser Herz gehört;
22
So begeisternd zu den Höhen,
23
Die um uns, wie Riesen, stehen!
24
So des deutschen Jünglings wert!

25
Froher schlägt das Herz, und freier!
26
Reichet zu des Bundes Feier
27
Uns der Freund den Becher dar;
28
Ohne Freuden, ohne Leben
29
Erntet' er Lyäus Reben,
30
Als er ohne Freunde war.

31
Stärke, wenn Verleumder schreien,
32
Wahrheit, wenn Despoten dräuen,
33
Männermut im Mißgeschick,
34
Duldung, wenn die Schwachen sinken,
35
Liebe, Duldung, Wärme trinken
36
Freunde von des Freundes Blick.

37
Sanfter atmen Frühlingslüfte,
38
Süßer sind der Linde Düfte,
39
Kühliger der Eichenhain,
40
Wenn bekränzt mit jungen Rosen
41
Freunde bei den Bechern kosen,
42
Freunde sich des Abends freun.

43
Brüder! laßt die Toren sinnen,
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Wie sie Fürstengunst gewinnen,
45
Häufen mögen Gut und Gold;
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Lächelnd kanns der Edle missen,
47
Sich geliebt, geliebt zu wissen,
48
Dies ist seiner Taten Sold.

49
Schmettert aus der trauten Halle
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Auch die Auserwählten alle
51
In die Ferne das Geschick,
52
Wandelt er mit Schmerz beladen
53
Nun auf freundelosen Pfaden,
54
Schwarzen Gram im bangen Blick,

55
Wankt er, wenn sich Wolken türmen,
56
Wankt er nun in Winterstürmen
57
Ohne Leiter, ohne Stab,
58
Lauscht er abgebleicht und düster
59
Bangem Mitternachtsgeflüster
60
Ahndungsvoll am frischen Grab,

61
O da kehren all die Stunden,
62
So in Freundesarm verschwunden,
63
Unter Schwüren, wahr, und warm,
64
All umfaßt mit sanftem Sehnen
65
Seine Seele, süße Tränen
66
Schaffen Ruhe nach dem Harm.

67
Rauscht ihm dann des Todes Flügel,
68
Schläft er ruhig unterm Hügel,
69
Wo sein Bund den Kranz ihm flicht,
70
In die Locken seiner Brüder
71
Säuselt noch sein Geist hernieder,
72
Lispelt leis: Vergeßt mich nicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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