Am Tage

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Friedrich Hölderlin: Am Tage (1788)

1
Ihr Freunde! mein Wunsch ist, Helden zu singen,
2
Meiner Harfe erster Laut,
3
Glaubt es, ihr Freunde!
4
Durchschleich ich schon so stille mein Tal,
5
Flammt schon mein Auge nicht feuriger,
6
Meiner Harfe erster Laut
7
War Kriegergeschrei und Schlachtengetümmel.

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Ich sah, Brüder! ich sah
9
Im Schlachtengetümmel das Roß
10
Auf röchelnden Leichnamen stolpern,
11
Und zucken am sprudelnden Rumpf
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Den grausen gespaltenen Schädel,
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Und blitzen und treffen das rauchende Schwert,
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Und dampfen und schmettern die Donnergeschütze,
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Und Reuter hin auf Lanzen gebeugt,
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Mit grimmiger Miene Reuter sich stürzen
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Und unbeweglich, wie eherne Mauren,
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Mit furchtbarer Stille
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Und todverhöhnender Ruhe
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Den Reutern entgegen sich strecken die Lanzen.

21
Ich sah, Brüder! ich sah
22
Des kriegrischen Suezias eiserne Söhne
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Geschlagen von Pultawas wütender Schlacht.
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Kein wehe! sprachen die Krieger,
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Von den blutiggebißnen Lippen
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Ertönte kein Lebewohl –
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Verstummet standen sie da,
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In wilder Verzweiflung da
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Und blickten es an, das rauchende Schwert,
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Und schwangen es höher, das rauchende Schwert,
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Und zielten – und zielten –
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Und stießen es sich bitterlächelnd
33
In die wilde brausende Brust.

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Noch vieles will ich sehen,
35
Ha! vieles noch! vieles noch!
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Noch sehen Gustavs Schwertschlag,
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Noch sehen Eugenius Siegerfaust.

38
Doch möcht ich, Brüder! zuvor
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In euren Armen ausruhn,
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Dann schweb ich wieder mutiger auf,
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Zu sehen Gustavs Schwertschlag,
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Zu sehen Eugenius Siegerfaust.

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Willkommen, du! –
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Und du! – Willkommen!
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Wir drei sinds?
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Nun! so schließet die Halle.
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Ihr staunt, mit Rosen bestreut
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Die Tische zu sehen, und Weihrauch
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Am Fenster dampfend,
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Und meine Laren –
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Den Schatten meiner Stella,
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Und Klopstocks Bild und Wielands, –
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Mit Blumen umhängt zu sehen.

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Ich wollt in meiner Halle Chöre versammeln
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Von singenden rosichten Mädchen
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Und kränzetragenden blühenden Knaben,
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Und euch empfangen mit Saitenspiel,
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Und Flötenklang, und Hörnern, und Hoboën.

59
Doch – schwur ich nicht, ihr Freunde,
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Am Mahle bei unsers Fürsten Fest,
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Nur
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Und Flötenklang, und Hörnern und Hoboën,
63
Mit Chören von singenden rosichten Mädchen,
64
Und kränzetragenden blühenden Knaben
65
Nur

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Den Tag, an dem ein Weiser
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Und biedere Jünglinge,
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Und deutsche Mädchen
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Zu meiner Harfe sprächen:
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Du tönst uns, Harfe, lieblich ins Ohr,
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Und hauchst uns Edelmut,
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Und hauchst uns Sanftmut in die Seele.

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Aber heute, Brüder!
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O, kommt in meine Arme!
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Wir feiern das Fest
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Der Freundschaft heute.

77
Als jüngst zum erstenmal wieder
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Der Mäher des Morgens die Wiese
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Entkleidete, und der Heugeruch
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Jetzt wieder zum erstenmal
81
Durchdüftete mein Tal:

82
Da war es, Brüder!
83
O da war es!
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Da schlossen wir unsern Bund,
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Den schönen, seligen, ewigen Bund.

86
Ihr hörtet so oft mich sprechen,
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Wie lang es mir werde,
88
Bei diesem Geschlechte zu wohnen,
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Ihr sahet den Lebensmüden
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In den Stunden seiner Klage so oft.

91
Da stürmt ich hinaus in den Sturm,
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Da sah ich aus der vorüberjagenden Wolke
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Die Helden der eisernen Tage herunterschaun.
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Da rief ich den Namen der Helden
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In des hohlen Felsen finstres Geklüft,
96
Und siehe! der Helden Namen
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Rief ernster mir zurück
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Des hohlen Felsen finstres Geklüft.

99
Da stolpert ich hin auf dornigten Trümmern
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Und drang durchs Schlehengebüsch in den alternden Turm
101
Und lehnte mich hin an die schwärzliche Wände
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Und sprach mit schwärmendem Auge an ihm hinauf:

103
Ihr Reste der Vorzeit!
104
Euch hat ein nervigter Arm gebaut,
105
Sonst hätte der Sturm die Wände gespalten,
106
Der Winter den moosigten Wipfel gebeugt;
107
Da sollten Greise um sich
108
Die Knaben und Mädchen versammlen
109
Und küssen die moosigte Schwelle,
110
Und sprechen: Seid wie eure Väter!
111
Aber an euren steinernen Wänden
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Rauschet dorrendes Gras herab,
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In euren Wölbungen hangt
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Zerrißnes Spinnengewebe –
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Warum, ihr Reste der Vorzeit,
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Den Fäusten des Sturmes trotzen, den Zähnen des Winters.

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O Brüder! Brüder!
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Da weinte der Schwärmer blutige Tränen,
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Auf die Disteln des Turmes,
120
Daß er vielleicht noch lange
121
Verweilen müsse unter diesem Geschlechte,
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Da sah er all die Schande
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Der weichlichen Teutonssöhne,
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Und fluchte dem verderblichen Ausland,
125
Und fluchte den verdorbnen Affen des Auslands,
126
Und weinte blutige Tränen,
127
Daß er vielleicht noch lange
128
Verweilen müsse unter diesem Geschlechte.

129
Doch siehe, es kam
130
Der selige Tag –
131
O Brüder, in meine Arme! –
132
O Brüder, da schlossen wir unsern Bund,
133
Den schönen, seligen, ewigen Bund.

134
Da fand ich Herzen, –
135
Brüder, in meine Arme! –
136
Da fand ich eure Herzen.

137
Jetzt wohn ich gerne
138
Unter diesem Geschlechte,
139
Jetzt werde der Toren
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Immer mehr! immer mehr!
141
Ich habe eure Herzen.

142
Und nun – ich dachte bei mir
143
An jenem Tage,
144
Wann zum erstenmal wieder
145
Des Schnitters Sichel
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Durch die goldene Ähren rauscht,
147
So feir ich ihn, den seligen Tag.

148
Und nun – es rauschet zum erstenmal wieder
149
Des Schnitters Sichel durch die goldene Saat,
150
Jetzt laßt uns feiren,
151
Laßt uns feiren
152
In meiner Halle den seligen Tag.

153
Es warten jetzt in euren Armen
154
Der Freuden so viel auf mich,
155
O Brüder! Brüder!
156
Der edlen Freuden so viel.

157
Und hab ich dann ausgeruht
158
In euren Armen,
159
So schweb ich mutiger auf,
160
Zu schauen Gustavs Schwertschlag,
161
Zu schauen Eugenius Siegerfaust.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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