Die Unsterblichkeit der Seele

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Friedrich Hölderlin: Die Unsterblichkeit der Seele (1788)

1
Da steh ich auf dem Hügel, und schau umher,
2
Wie alles auflebt, alles empor sich dehnt,
3
Und Hain und Flur, und Tal, und Hügel
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Jauchzet im herrlichen Morgenstrahle.

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O diese Nacht – da bebtet ihr, Schöpfungen!
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Da weckten nahe Donner die Schlummernde,
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Da schreckten im Gefilde grause
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Zackigte Blitze die stille Schatten.

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Jetzt jauchzt die Erde, feiert im Perlenschmuck
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Den Sieg des Tages über das Graun der Nacht –
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Doch freut sich meine Seele schöner;
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Denn sie besiegt der Vernichtung Grauen.

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Denn – o ihr Himmel! Adams Geschlechte sinds,
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Die diese Erd im niedrigen Schoße trägt –
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O betet an, Geschlechte Adams!
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Jauchzet mit Engeln, Geschlechte Adams!

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O ihr seid schön, ihr herrliche Schöpfungen!
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Geschmückt mit Perlen blitzet das Blumenfeld;
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Doch schöner ist des Menschen Seele,
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Wenn sie von euch sich zu Gott erhebet.

21
O, dich zu denken, die du aus Gottes Hand
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Erhaben über tausend Geschöpfe gingst,
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In deiner Klarheit dich zu denken,
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Wenn du zu Gott dich erhebst, o Seele!

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Ha! diese Eiche – strecket die stolze nicht
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Ihr Haupt empor, als stünde sie ewig so?
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Und drohte nicht Jehovas Donner,
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Niederzuschmettern die stolze Eiche?

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Ha! diese Felsen – blicken die stolze nicht
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Hinab ins Tal, als blieben sie ewig so?
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Jahrhunderte – und an der Stelle
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Malmet der Wandrer zu Staub das Sandkorn.

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Und meine Seele – wo ist dein Stachel, Tod?
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O beugt euch, Felsen! neiget euch ehrfurchtsvoll,
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Ihr stolze Eichen! – hörts und beugt euch!
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Ewig ist, ewig des Menschen Seele.

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Mit grausem Zischen brauset der Sturm daher,
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Ich komme, spricht er, und das Gehölze kracht
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Und Türme wanken, Städte sinken,
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Länder zerschmettern, wenn ich ergrimme.

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Doch – wandelt nicht in Schweigen der Winde Dräun?
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Macht nicht ein Tag die brausende atemlos?
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Ein Tag, ein Tag, an dem ein andrer
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Sturm der Verwesten Gebeine sammelt.

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Zum Himmel schäumt und woget der Ozean
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In seinem Grimm, der Sonnen und Monde Heer
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Herab aus ihren Höhn, die stolze,
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Niederzureißen in seine Tiefen.

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Was bist du, Erde? hadert der Ozean,
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Was bist du? streck ich nicht, wie die Fittige
51
Aufs Reh der Adler, meine Arme
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Über die Schwächliche aus? – Was bist du,

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Wenn nicht zur Sonne segnend mein Hauch sich hebt,
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Zu tränken dich mit Regen und Morgentau?
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Und wann er sich erhebt, zu nahn in
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Mitternachtswolken, zu nahn mit Donnern,

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Ha! bebst du nicht, Gebrechliche? bebst du nicht? –
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Und doch! vor jenem Tage verkriechet sich
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Das Meer, und seiner Wogen keine
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Tönt in die Jubel der Auferstehung.

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Wie herrlich, Sonne! wandelst du nicht daher!
62
Dein Kommen und dein Scheiden ist Widerschein
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Vom Thron des Ewigen; wie göttlich
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Blickst du herab auf die Menschenkinder.

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Der Wilde gafft mit zitternden Wimpern dich,
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O Heldin, an, von heiligen Ahndungen
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Durchbebt, verhüllt er schnell sein Haupt und
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Nennet dich Gott, und erbaut dir Tempel.

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Und doch, o Sonne! endet dereinst dein Lauf,
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Verlischt an jenem Tage dein hehres Licht.
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Doch wirbelt sie an jenem Tage
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Rauchend die Himmel hindurch, und schmettert.

73
O du Entzücken meiner Unsterblichkeit!
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O kehre du Entzücken! du stärkest mich!
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Daß ich nicht sinke, in dem Graun der
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Großen Vernichtungen nicht versinke.

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Wenn all dies anhebt – fühle dich ganz, o Mensch!
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Da wirst du jauchzen: Wo ist dein Stachel, Tod?
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Dann ewig ist sie – tönt es nach, ihr
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Harfen des Himmels, des Menschen Seele.

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O Seele! jetzt schon bist du so wundervoll!
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Wer denkt dich aus? daß, wann du zu Gott dich nahst,
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Erhabne, mir im Auge blinket
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Deine Erhabenheit – daß du, Seele!

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Wann auf die Flur das irdische Auge blickt,
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So süß, so himmlisch dann dich in mir erhebst –
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Wer sah, was Geist an Körper bindt, wer
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Lauschte die Sprache der Seele mit den

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Verwesungen? – O Seele, schon jetzt bist du
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So groß, so himmlisch, wann du von Erdentand
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Und Menschendruck entlediget in
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Großen Momenten zu deinem Urstoff

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Empor dich schwingst. Wie Schimmer Eloas Haupt
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Umschwebt der Umkreis deiner Gedanken dich,
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Wie Edens goldne Ströme reihen
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Deine Betrachtungen sich zusammen.

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Und o! wie wirds einst werden, wann Erdentand
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Und Menschendruck auf ewig verschwunden ist,
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Wann ich an Gottes – Gottes Throne
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Bin, und die Klarheit des Höchsten schaue.

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Und weg ihr Zweifel! quälendes Seelengift!
102
Hinweg! der Seele Jubel ist Ewigkeit! –
103
Und ist ers nicht, so mag noch heute
104
Tod und Verderben des Lebens große

105
Gesetze niedertrümmern, so mag der Sohn
106
In seinem Elend Vater und Mutterherz
107
Durchbohren, mag ums Brot die Armut
108
Tempel bestehlen, so mag das Mitleid

109
Zu Tigern fliehn, zu Schlangen Gerechtigkeit,
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Und Kannibalenrache des Kindes Brust
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Entflammen, und Banditentrug im
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Himmelsgewande der Unschuld wohnen.

113
Doch nein! der Seele Jubel ist Ewigkeit!
114
Jehova sprachs! ihr Jubel ist Ewigkeit!
115
Sein Wort ist ewig, wie sein Name,
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Ewig ist, ewig des Menschen Seele.

117
So singt ihn nach, ihr Menschengeschlechte! nach,
118
Myriaden Seelen singet den Jubel nach –
119
Ich glaube meinem Gott, und schau in
120
Himmelsentzückungen meine Größe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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