St. Petrus saß am Himmelsthor

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Otto Roquette: St. Petrus saß am Himmelsthor Titel entspricht 1. Vers(1860)

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St. Petrus saß am Himmelsthor,
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Vernahm nicht viel vom Engelschor,
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Der drinnen gar so schön erscholl;
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War von Gedanken übervoll,
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Und merkt nicht, wer mit stillem Gang
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Geschritten kam den Weg entlang.
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Der Herr blieb im Vorübergehn
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Betrachtend bei dem Pförtner stehn.
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Nun, Petre, spricht er, so versenkt?
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Hast etwas, das dein Herze kränkt?
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Machst ein Gesicht gar, fast ergrimmt,
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So sag nur, was dich bitter stimmt!
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St. Petrus fuhr erschreckt empor,
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Zu schaun den Herrn am Himmelsthor,
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Und seufzend recht aus tiefer Brust
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Begann er: Herr, dir ist bewußt,
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Wie ich von guter Erdengab'
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So wenig nur genossen hab,
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Zu wirken für das ewig Heil,
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Mühsal und Arbeit war mein Theil.
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Nun dacht' ich, wie jetzt auf der Erd
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Das Feuer brennt auf jedem Herd,
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Und meine Freundschaft diesen Tag
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Zur Fasnacht froh sich rüsten mag,
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Vergessen aller Arbeitsnoth
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Mit Mummenschanz und Gastgebot,
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Derweil ich hier so sitz allein.
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Das ging mir durch die Sinnen mein,
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Und schien mir Alles doppelt werth,
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Was ich versäumt hab und entbehrt. –
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Der Herr mit Milde drauf beginnt:
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Ei Petre, bist du so gesinnt,
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So käm's auf den Versuch nur an,
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Ob das dich noch erquicken kann.
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Urlaub drei Tag' ist dir gewährt,
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Dabei sich grad' genug erfährt,
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Ob Eins für Fasnacht, Gasterei
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Und Lustbarkeit der Mann noch sei.
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Zu deiner Freundschaft magst du gehn,
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Dein Amt wird hier derweil versehn.
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Doch sei bei guter Zeit zurück! –
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St. Petrus dankt dem Herrn voll Glück,
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Und hebt sich zu der Stadt geschwind,
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Wo ihm der Vettern viel noch sind.

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Die schau'n ihn mit Verwundrung an,
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Scheint ihnen kaum derselbe Mann,
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Den sie so lang für todt beklagt.
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Doch Petrus sie belehrt und sagt,
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Wie gut er in der andern Welt
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Als Pförtner sicher angestellt,
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Zeigt ihnen zum Beweis auch gleich
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Den Schlüssel dar vom Himmelreich,
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Den er in gutem Vorbedacht
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Zu sich gesteckt und mitgebracht.
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Nun war die Freud' erst übergroß,
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Die ganze Freundschaft macht sich los,
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Und gönnt zu feiern sich nicht Rast
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So fürnehm und so seltenen Gast.
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Und was er sonsten wohl entbehrt,
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Ward ihm im Uebermaß bescheert. –

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Die dritte Nacht verging der Welt,
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Den vierten Tag die Sonn' erhellt.
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St. Peters Urlaub überschritt
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Den fünften und den sechsten mit.
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Der Herr, gelassen, harrt der Ding',
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Am siebten Tag doch selber ging,
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Zu sehen nach der Himmelsthür.
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Kein Petrus trat ihm noch herfür.
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Doch drauß ist eine Schaar bereit
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Von neuen Sel'gen, die zur Zeit
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Das Himmelreich verschlossen fand,
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Dieweil der Pförtner über Land.
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Allein, wie so die Sel'gen sind,
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So machten sie es gar gelind,
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Und saßen ohne viel Rumor
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Gar friedlich plaudernd vor dem Thor.

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Der Herr that weiter seinen Gang,
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Da sah er an der Mau'r entlang
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Gar leisen Schrittes Petrum gehn,
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Als würd' er lieber nicht gesehn.
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Wich drum der Herr auch von dem Ort,
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Bis er ihm böte selbst das Wort.
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Nicht lang, der Pförtner trat auch dar
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Gesenkten Haupts und ängstlich gar,
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Recht eines Sünders Ebenbild.
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Der Herr empfängt ihn doch gar mild:
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Nun, Petre, solcher Fasnacht muß
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Bescheert sein reichlicher Genuß,
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Da du den Urlaub doppelt nahmst!
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Nur gut, daß du noch wiederkamst!
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Ging's gar so fröhlich her dabei?
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St. Petrus athmet wieder frei,
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Da er so gütig hört den Herrn,
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Erzählt ihm drauf von Allem gern,
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Wie er beim Mummenschanz gelacht,
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Und wie es ging bei Tag und Nacht.
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Der Herr ihm hört gar lange zu,
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Beginnt darauf in stiller Ruh:
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Für all das Gute, deß ihr pflagt,
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War doch ein Dank auch mir gesagt?
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Und zwischen Freud und Lustbarkeit
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Wann nahmt ihr euch zum Beten Zeit?
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St. Petrus stand bedenklich sehr,
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Zu lügen trug er nicht Begehr,
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Drum sprach er kleinlaut: Herr, du weißt
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Was man die rechte Fasnacht heißt!
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Zum Beten, wenn das Fest vorbei,
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Ist Aschermittwoch wieder frei.
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Zudem, es war ein reiches Jahr,
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Der Wein gerathen wunderbar,
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Die Scheuern jeder Ernte voll.
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Der Segen bis zum Giebel schwoll,
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Die Leut' und Vettern wußten kaum
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Für all das liebe Gut sich Raum!
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Der Herr darauf: Da dir's behagt,
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Sei dir, mein Petre, nicht versagt
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Ein Urlaub für das nächste Jahr.
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Und da zu knapp er heuer war,
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Setz ich drei Wochen gleich dir aus.
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Wiewohl, wenn du dich hebst von Haus
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Das nächstemal, giebst du zuvor
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Den Schlüssel mir vom Himmelsthor! –

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Und als herum des Jahres Kreis,
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St. Peter gürtet sich zur Reis'
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Und braucht den Herrn zu mahnen nicht.
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Drei Wochen ist er los der Pflicht
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Und hofft sich aller Freuden Maaß
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Vom Urlaub auf der Vetternstraß.
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Der Herr indeß zum Garten schritt,
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Die Bäum und Reben selber schnitt,
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Und hörte, wie von fern erklang
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Der Seinen seliger Gesang.
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Und als der erste Tag dahin,
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Er trat zur hohen Mauerzinn',
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Und sah, wie Petrus, eilend sehr
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Gelaufen kam den Weg daher.
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Und als der Pförtner vor ihm stand,
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Der Herr begann: Bist früh zur Hand!
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Drei Wochen durftest bleiben drauß,
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Der erste Tag ist eben aus!

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Ach, Herr! spricht Petrus, dieses Jahr
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Nimmt man der Fasnacht wenig wahr,
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Und will, von wegen böser Zeit
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Man hören nichts von Lustbarkeit.
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Die Ernte konnt nicht schlechter sein,
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Ein mißlich sau'r Getränk der Wein,
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Und Raps und Gerste, Obst und Korn,
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Verhagelt Alles hint und vorn;
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Die Vettern sehn nicht ein noch aus.
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Dem einen liegt die Frau im Haus,
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Dem andern krank der Kinder drei,
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Und hört man nichts als Wehgeschrei.
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Dem starb das Vieh, dem brannt die Scheur,
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Das Geld ist knapp, das Brod ist theur.
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Drum, weil nach Fasnacht Keins begehrt,
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Bin ich in Eil zurückgekehrt.

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Der Herr darauf: Da hörtest du
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Wohl manchem Angstgebete zu?
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Ihr Glück weiß nichts von Dankgebot,
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Ihr Beten ist nur Schrei der Noth. –
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Da wirft sich Petrus auf die Knie
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Und ruft: Ja, Herr, jetzt beten sie!
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Und baten mich, des Jammers voll,
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Daß ich's bei dir vermitteln soll,
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Von ihnen abzuthun das Leid,
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Das Alle preßt zu dieser Zeit!
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Der Herr dagegen: Laß das ruhn,
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Und geh nun, deine Pflicht zu thun!
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Wem ich den rechten Platz verliehn,
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Den soll's nicht da und dort hin ziehn.
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Was sich die Welt zur Lust begehrt,
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Ward manchem reichlich wohl bescheert,
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Viel reicher ist, wer frohgemuth
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Im Herzen trägt sein Hab und Gut.
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Wenn jedem Eigen droht Gefahr,
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Kann er doch spenden immerdar.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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