Mit alten Schätzen, die ich lang bewahre

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Otto Roquette: Mit alten Schätzen, die ich lang bewahre Titel entspricht 1. Vers(1860)

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Mit alten Schätzen, die ich lang bewahre,
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Von Briefen, Zeichnungen, vergilbten Zügen,
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Verkehr' ich immer gern im Lauf der Jahre.

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Da zog ich heut mit freudigem Genügen
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Ein Blatt hervor, aus Tagen, da wir fleißig
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Versucht uns in den ersten Geistesflügen.

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Ein Blatt von Dir, o Freund! Die Zeiten, weiß ich,
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Sind dir, wie mir, noch deutlich, unvergessen,
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Obgleich vergangen fast der Jahre dreißig!

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Wie seine Welt sich jeder unterdessen,
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Nicht fremd, doch immer fern, erschuf und baute,
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Heut will ich's nicht berühren, noch ermessen.

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Heut sucht sich die Erinnrung altvertraute
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Begrenzte Stätten, Giebeldächer, Straßen,
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Verschönt durch alter Lieder Jugendlaute.

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Auch wessen Kreise weit die Welt durchmaßen
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Weiß einen Ort wohl, den Erinnrung lichtvoll
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Mit Bildern schmückt, die einst sein Herz besaßen.

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Viel Größres mocht' er leben, das gewichtvoll
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Des Daseins Form und Wesen ihm erhoben,
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Ob er's erlebt empfangend, ob verzichtvoll;

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Viel Schöneres auch weiß er wohl zu loben,
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Was Meer' und Länder vor ihm ausgebreitet,
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Und fördernd seinen Sinnen sich verwoben;

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Um engsten Kreis in guter Stunde gleitet
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Sein inn'rer Blick, weitauf die Thore machend,
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Durch die er zu willkomm'ner Stätte schreitet.

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Sie ist's, wo er mit Seel' und Geist erwachend
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Zuerst sein Eigenstes in sich erkannte,
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Jedweder Schrank' in Hoffensreichthum lachend!

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Da sind Genossen, Strebens-Geistverwandte,
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Mit denen er, von Muth erfüllt unendlich,
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Für das Erringen jedes Siegs entbrannte!

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So fanden wir uns, Freund! Ist dir verständlich
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Daß Saiten leise nur zu schwingen brauchen,
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Mich immer neu zu fesseln unabwendlich?

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Die Thürme seh' ich aus dem Nebel tauchen
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Der alten Saalestadt, um deren Dächer
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Gelehrsamkeit und Kohlendünste rauchen;

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Den Markt, mit seiner Gassen krausem Fächer.
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Das Haus am Zwinger dort umschloß als Hürde
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Der Lehrlingsjahre dürftige Gemächer.

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Und doch, der Kunst, des Strebens ganze Würde
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War mit umschlossen von den engen Räumen,
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Und im Genügen lag uns keine Bürde.

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Der Garten war uns lieb mit seinen Bäumen,
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Der Platz, am Zwingergraben aufgemauert,
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Um Tag' und Sternennächte zu verträumen.

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Und auch von Leidenschaften angeschauert,
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Der Jugend erstem Antheil im Erfahren,
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Ward mancher Tag durchgrollt und hingetrauert.

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Wenn nicht erfüllbar Wunsch und Hoffnung waren,
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Blieb ungestört der Wuchs gefaßten Muthes,
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Das beßre Theil aus jenen Jugendjahren.

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Und eine Prob' auch unsres innern Gutes
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Ward von jedwedem schon der Welt behändigt,
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Durchglüht vom Sprudel unsres Lebensblutes.

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Das Flügelroß schon hattest du gebändigt
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Für Roms Tribunen zu dramatischem Ritte;
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Vom Rhein und Wein ein Lied hatt' ich beendigt.

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Nun war ich um des schönsten Frühlings Mitte
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Verreist, des Elternhauses mich zu freuen.
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Mein Hausrath stand dir frei, nach unsrer Sitte.

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Du wartetest der Briefe mir in Treuen,
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Zu prüfen, ob der Inhalt von Belang war,
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Denn kein Geheimniß gab es noch zu scheuen.

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Du faßtest einen, der vom ersten Rang war!
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Die Meldung, daß mein Lied, nach kaum sechs Wochen,
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Vergriffen schon, und günstig sein Empfang war.

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Du ließest deinen Jubel nicht verkochen,
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Beschriebst das leere Blatt, und Wünsche knüpfte
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Dein Wort daran, vom wackren Freund gesprochen.

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Noch zeigt die Schrift, daß deine Feder hüpfte,
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Zugleich, wie groß der Augenblick gewaltet,
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Der Tintenklecks, der deiner Hast entschlüpfte;

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Der Tintenklecks, der, künstlerisch gestaltet
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Zum Tänzer, mir erneuert schöne Züge,
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Die damals illustrirend du entfaltet. –

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Wer sich die Welt versucht, weiß zur Genüge,
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Wie Zeit und Raum so feindlich nie uns grollen,
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Daß man mit ihnen sich nicht auch vertrüge.

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Und kommt, was fördern soll, nicht aus dem Vollen,
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So fördert oft was dürftig und unscheinbar,
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Wenn wir es nützen und begreifen wollen.

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Sei wem da will sentimental beweinbar,
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Daß Jugendsinn, Genuß und Glück entschwunden!
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Mein Schaffen hielt ich jeder Zeit vereinbar.

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Doch schön war jene, da wir uns gefunden!
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Möcht' heut ein Blatt von mir in gleicher Weise
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Dich freu'n, wie Deines mich aus jenen Stunden!

91
Fliegt hin ihr Reime! Glück zur Frühlingsreise!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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