Im Morgendufte kommt vom Waldesrande

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Otto Roquette: Im Morgendufte kommt vom Waldesrande Titel entspricht 1. Vers(1860)

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Im Morgendufte kommt vom Waldesrande
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Das junge Reh zum Wiesengrund geschritten,
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Da noch die Dämmrung hüllt die tiefren Lande.

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Es prüft den Thau, und blickt in Thalesmitten
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Mit klugem Aug' empor zum Höhenkranze,
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Zu dem die ersten Sonnenlichter glitten.

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Noch scheucht es nicht des Tages Strahlenlanze
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Zurück zum Wald, doch stutzt es bei dem Rufen
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Des Adlers, der sich wiegt im Aetherglanze.

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Schon sichrer blickt es, denn auf leichten Hufen
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Erscheint ihm der Genossen muntre Heerde,
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Zum frühen Mahl, herab die Rasenstufen.

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Und während Stille deckt den Fleck der Erde,
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Der sie geboren, harrt die Schaar, vertrauend,
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Daß Raum und Stunde sie beschützen werde.

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Doch über Buchenwipfel, die noch thauend
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Vom Nachtgewölke, dringt des Tages Sendung
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In Lichtern schon lebend'ger niederschauend;

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Und plötzlich durch der Hügel offne Wendung
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Gießt sich die Strahlenfluth in vollem Gusse,
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Das Thal erfüllend mit des Lichts Verschwendung.

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O welch ein Bild, geweckt vom Morgenkusse
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Der Sonne! Langsam sich zur Tiefe neigend
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Der Matten duftig Grün, vom Rieselflusse.

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Der Ohm durchschlängelt; Wälder, aufwärts steigend
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Zu Hügelreihen, erst nur leicht gehoben,
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Dann größren Schwungs gedehnte Formen zeigend;

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Sich überbauend, bis die Häupter droben
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In's Thal herüber schau'n, das fern im Weiten
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Sich schließt, in zarten Farbenduft verwoben.

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Wer sich zuerst in diesen Waldgebreiten
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Die Stätte gründete, verstand zu bauen
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Die Wohnung, sicher vor der Tage Streiten.

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Dort unter Buchen ist das Haus zu schauen,
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Geschützt vom Berg, die Stirn zur Ferne richtend,
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Zu Füßen allen Glanz der Wiesenauen.

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Nicht ist's ein Felsenbau, von welchem dichtend
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Die Sage spräch' in grauer Trümmersprache,
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Nein, frei im Grün, auf Thurm und Wehr verzichtend;

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Und doch mit seinem starken Holzgefache
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Jahrhunderten vertraut, seit Frühlingswehen
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Zuerst gerauscht zu seinem Schieferdache.

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Betrachtend aber wirst du lange stehen,
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Wenn sich des Eingangs Halle dir erschlossen,
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Geschmückt mit Bildern, Waffen, Jagdtrophäen.

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Doch daß nicht nur bewohnt von Waidgenossen
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Die Hall' und die Gemächer, sagt und deutet
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Ein Gang, der niemals einen Gast verdrossen.

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Woran ihr Alten euch im Stillen freutet,
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Von Enkeln ehrfurchtsvoll gehegt, bekunden
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Bescheid'ne Schätze, die ihr euch erbeutet;

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Gesucht vom Trieb des Sammelns, und gefunden
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Vom Wissensdrang und auf der Spur zum Schönen,
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Geordnet blieb es eurem Haus verbunden.

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So bracht' es ihm ein herzliches Gewöhnen
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Zum Edlen, Guten, um mit gleicher Wage
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Natur und Lebensfordrung zu versöhnen.

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Und gute Geister sind's, die hier die Tage
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Behüten, daß im Haus' es, ohne Schranken,
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So wie den Kindern, auch dem Gast behage.

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Das ist des Hauses Ruhm, wenn im Gedanken
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Des Gastes, der da scheidet von der Schwelle,
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Der Fremdheit Scheidegrenzen niedersanken;

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Wenn er, entfernt, für immer jene Stelle
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Zum Eigenthum im Geiste mitgenommen,
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Untrüglich auch im Trug der Lebenswelle.

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Doch wer, von Funken seiner Kunst erglommen
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Der Form vertraut, was freudig ihn berührte
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Zu sagen, hofft sich immer ein Willkommen.

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So wünscht' ich, was in Reimen ich vollführte,
71
Zum Gastgeschenk für Euch, und guter Stunden
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Gedächtniß, welchem mehr als dies gebührte.

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Nicht Alles dauert, was ein Reim gebunden.
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Doch schönste Dauer kann dies Lied erreichen,
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Wird einst es von den Kindern aufgefunden,
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Im Buch des Hauses ein Erinnrungszeichen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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