Friedrichs Tod

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Friedrich Daniel Schubart: Friedrichs Tod (1786)

1
Was schleierst du, o Muse, den Blick?
2
Was will an der Wimper die bebende Thräne?
3
Was hauchst du aus bleichen, mattgeöffneten Lippen
4
Seufzer, dem Hauche des Sterbenden gleich?
5
Was soll dieß stumme Deuten auf die Goldharf',
6
Die an meines Geklüfts Steinwand gelehnt,
7
Noch schüttert von

8
»o sprich ihn nicht aus, des Gefei'rtesten Namen!
9
Denn todt ist Er!
10
So sprach die Muse, meiner Einöde Gespielin,
11
Schwankt' und hielt sich an meines Geklüftes Steinwand
12
Und wie der Sterbende aufzuckt,
13
Wenn ihn des Todes Nähe schreckt,
14
So begann sie von neuem:
15
»hörst du Sterbegewimmer vom röthlichen Nord her?
16
Hörst du der Völker staunenden Aufschrei
17
An deines Walles Felsengurt sich spaltend:
18
Todt!

19
Da schau hinaus in die Nacht;
20
Sieh, eine Riesengestalt
21
Bäumt sich vom Thal auf:
22
Den Scheitel im Mondstrahl, den Fuß im Nachtgrau.
23
Der Engel Teutonia's ist's.
24
Siehst du! Mit dem Wodansschilde
25
Weist er gen Himmel. Er spricht:
26
Wie fernes Wettergemurmel
27
Tönt seine Rede:
28
Dein Trotz, Tochter
29
(ich wiegt' ihn groß
30
In der eisernen Wiege der Gefahr)
31
Des Auslands Schreck, des Inlands Stolz,
32
Ich sah ihn fallen vom Himmel,
33
Den köstlichen Abstrahl der Gottheit:
34
Zu leuchten der Erde, der Maßstab zu sein,
35
An dem sich Fürsten, Helden, Weise,
36
Und Meister von jeglicher Kunst
37
Messen und strecken; zu gründen
38
Borussia's Glück; zu festigen
39
Die Rechte meines Volks, und zu heften auf sich
40
Des Erdballs staunenden Blick.
41
Sein Werk ist vollendet. Es flog
42
In seine Heimath zurücke.

43
Der Mond ging blutig unter und die Erscheinung verschwand.
44
»nimm da die Goldharf' und singe
45
So sprach die Muse zu mir,
46
Der in der Betäubung Todesfrost starrte;

47
»sie schweigen.
48
Wenn ein Cherubswetterwagen
49
Ueber dem Walde hängt;
50
Wenn die getroffne älteste Wodanseiche
51
Vom Donnerstrahl aufdampft:
52
Dann bergen die Sänger des Hains
53
Die goldnen Schnäbel unter die Flügel.

54
So stumm steht
55
Der silberlockige Grenadenwerfer.
56
An des Riesen gestreckter Leiche
57
Schwankt
58
Auch
59
Hüllt sich in Todtenschleier und schweigt.
60
Vom Hauche der Wehmuth
61
Trübt sich des Himmels bläuliche Wölbung.
62
Des Greisen keuchender Todtenruf,
63
Des benarbten Kriegers Schädelschlag,
64
Der Wittwen Geächz', des Waisen Geheul,
65
Der Armen Geschluchz' übertäubte
66
In Borussiens Gauen
67
All ihrer Sänger weinende Klage.
68
Erst wenn der Sturm des Jammers ausgetobt;
69
Dann singen
70
Unter tröpfelnden Zweigen.«

71
Reich mir indessen die Harfe,
72
O du, meines Grams Gefährtin,
73
Daß ich beginne den Todtengesang.

74
Töne, töne denn, mein banger Sterbgesang.
75
Der Winde Gewinsel im Todtenkranze,
76
Dem rauschenden wilden Grase
77
Auf zerfallnen Heldengräber gleich,
78
So töne du, mein banger Sterbgesang!
79
An deine Sternenburg, Himmelerhabner,
80
Schlage mein Sterbgesang!
81
Groß und belehrend war dein Leben,
82
Groß und belehrend dein Tod.
83
Mit Sternenschrift steht deiner Thaten Zahl
84
Im Buche der Zeit.
85
Staunend wird sie lesen der Enkel Urenkel
86
Und der Kunde kaum trauen.

87
Doch that sich der Erdengott selbst je genug?
88
Ha, dicht an der Wölbung der Königsgruft
89
Durchblitzt' er sein Leben
90
Mit der strengsten Prüfung Aetherstrahl;
91
Maß jeden Schritt auf seiner
92
Mit Heldenschweiß beträuften Bahn;
93
Auch horchtest du,
94
In den festlichen Stunden der innersten Geisteseröffnung
95
Der Gerichtswage Getön,
96
Und freutest dich der goldnen Schale,
97
Vom Wuchte deiner schönsten Thaten zuckend.
98
Nicht der Krankheit Natternstiche,
99
Nicht des Alters drückende Last
100
Vermocht's, dir den Scepter entsinken zu machen.

101
Schon schmückte dein Antlitz
102
Der nahen Verklärung morgenröthlicher Schimmer;
103
Da sprachst du die feierlichen Worte –
104
Engel tranken sie auf –
105
»heil mir! ich werde ewig thätig sein!
106
Zu mächtig fühl' ich in mir
107
Des göttlichen Funkens
108
Ungestümes, allgewaltiges Wehen.
109
Zwar werd' ich dort nicht
110
Doch

111
Mit leisem Tritte nahte sich der Tod.
112
Des Lebens Uhr, die mit dem Finger des Titus
113
Dem thatenstrebenden Manne
114
Nie eine verlorne Stunde wies,
115
Rasselte ab. – Ha, selbst die letzte Minute
116
War für den Geitzer der Zeit unverloren:
117
Denn sie lehrte Könige die

118
Borussiens Genius
119
Neigte sich tief und küßte des Sterbenden Stirne:
120
»du hast des Völkervaters Pflichten all' erfüllt,
121
Sohn! Liebling! bald mein Bruder!
122
Meiner lieben Preußen
123
So hauchte der Halbgott den Sterbenden an.
124
Des Völkervaters Pflichten all' erfüllt zu haben,
125
Brach ihm das Herz.
126
Des großen Todten Haupt
127
Sank sanft an
128
Der Erdenbürd' entlastet.

129
Vom liegenden Leichname,
130
Im Lächeln des guten Gewissens noch schimmernd,
131
Eilte sein Geist, der Gottesstrahl,
132
Schnell von des Todes Betäubung besonnen,
133
Ins Reich der Urgröß' empor.
134
Ihm boten der Menschen größte,
135
Der Gottheit getroffenste Nachbilder,
136
Die lichte, liebebebende Rechte.
137
Er aber bemerkte sie kaum, eilt' und sank
138
Am Throne des Allherrschers nieder.

139
»vor einem Erdengott, aus Leim geknetet,
140
Hab' ich mich nie gebeugt. Doch dir – der Größe
141
Ewiges, einziges Urbild,
142
Küss' ich den Saum des Gewandes.«

143
Sprach's. Der Allgroße lächelt' ihm Gnade.
144
»du dachtest nicht
145
Erst lohn' ich deine
146
Dann deinen
147
Sei ewig König und herrsche!
148
Ich habe weite Räume
149
Für Geister deines Gleichen.«

150
Aus des Staunens Strudel erhob sich
151
Dankt' dem Geber der neuen Gnaden,
152
Bot dann erst seinen Brüdern,
153
Den Ehren der Menschheit, die glühende Rechte.
154
Und seine Helden alle, die für Ihn
155
Einst fochten, bluteten, starben,
156
Folgten ihm in seiner neuen Herrschaft Bezirke.

157
Dieses sah die Muse. Doch ach! auf der Erde
158
Erhob sich an
159
Ein grauer, benarbter Krieger sprach:
160
»ah, da liegt Er nun, der Sieger bei
161
Der Donnrer in
162
Leichenbesäten Gefilden.

163
Wer hob
164
Hoch in die Luft, und schüttelt' ihn zornig?
165
Wer zeigte bei
166
Daß deutscher Schwertschlag kräftiger sei,
167
Als seiner Red' und Sitte Gezier?
168
Wer düngte
169
Mit
170
Wer scheuchte
171
Flohen nicht vor ihm getäuschter Völker Schaaren,
172
Wie Hornissenschwärme,
173
Vor der prasselnden Flamme?
174
Wer spottete des Krieges Ungemach, wie Er?
175
Oft bot ich ihm an meines Schwertes Spitze
176
Mit Talg beträuftes Brot. Oft löscht' er neben mir
177
Den Durst aus dem Bach am Wege.
178
Wärmte sich mit mir am krachenden Feuer des Dornstrauchs,
179
Schlief im bereiften Gras und achtete nicht
180
Des Nordsturms Hauch und des strömenden Regens Durchnässung.
181
Und ach da liegt Er nun, der Thäter dieser Thaten!«
182
So spricht der heulende Krieger und wetzt
183
Sein Schwert am Sarge des Helden.
184
Des Genius Vertrauter spricht:
185
Weit hinauf maß Er an der Geister Urmaß.
186
Fest und stark war seine Seele.
187
Keines Geschöpfes Gewalt,
188
Gott allein hätt's nur vermocht,
189
Ihn aus seiner Entschlüsse Felsenburg
190
Herauszudonnern. Der geschaffne Gedanke
191
Sprang in voller Rüstung aus
192
Und ward zur That. Auch lüpft' Er oft
193
Der Schönheit Silberschleier,
194
Und sah ihr olympischen Lächeln.
195
Nie riß sich in Ihm Ein Vermögen der Seele
196
Von dem andern los, zur Mißgestalt
197
Seinen Genius aufzudunsen.
198
Seines Geistes Kräfte klangen zusammen
199
Wie harmonisches Silbergeläute.
200
Darum weinen die Schätzer der Geister um Ihn;
201
Denn ihr Maß, ihr Festgefühl war Er!

202
Sieh, eine weinende Schaar von Armen, Wittwen und Waisen.
203
Naht sich dem heiligen Leichnam,
204
Rauft sich das Haupthaar und schluchzt:
205
War Er Scepterträger allein? Völkerzähmer allein?
206
Weinen wir nur den Großgeist in Ihm?
207
Nein, seliger Schatten, wir weinen in Dir
208
Den
209
Wenn, gleich beweglichen Feuergebirgen,
210
Die Gefahr unsern Grenzen sich nahte;
211
So warfst du dich an deiner Krieger Spitze,
212
Achtetest nicht der glühenden Lava,
213
Und lenktest ab den feurigen Strom.

214
Fürchterlich streckte der Hunger sein tönend Gerippe
215
Ueber
216
Griff mit der Rechten nach Wurzeln, mit der linken nach Aesern.
217
Da welkte mit Gras im Munde der Greis;
218
Da starb vom Kalkmehl der Jüngling;
219
Da sog der Säugling Blut.

220
Nur Vater
221
Des Halmes Stärkung auf die Müden;
222
Und in Sandfurchen sprudelte Milch,
223
Des Brandes Grimm verzehrte Hütten;
224
Er schuf zu Palästen sie um.
225
Gegen himmelstürzender Wasser tosende Flut
226
War

227
So rang Er selbst der Natur
228
In ihren Gerichten den Sieg ab.
229
O weinet um Ihn!
230
Den Vater! den Retter des Volks!
231
O weinet um Ihn!

232
Doch sind's
233
Die um den Göttlichen trauern?
234
Nein. Europa klagt! Es stutzt die Welt!
235
Seine Feinde selbst umfloren den Arm,
236
Der gegen den nordischen Löwen sich hob.

237
Ich aber schwinge mich auf Flügeln
238
Der Phantasie in deine Todtenhalle,
239
Und mit gesunknen Armen streck' ich mich,
240
Du Hochgefeirter, über deinen Eichensarg,
241
Lautweinend, daß mich dein Stab nicht weidete.

242
Du Gottesflamme! Ganzer! Einsamer!
243
Dem des feurigsten Hymnos kühnste Flamme
244
Die Hüfte nur leckt, nicht das Antlitz verklärt!

245
O laß mich weinen!
246
An deinem Eichensarge laß mich weinen!

247
Du bist, wo die Fessel nicht rasselt,
248
Wo unter der Gewaltthat Fußtritt
249
Der Boden nicht dröhnt. O wär' ich bei dir!

250
Dich aber, Borussiens glückliches Volk,
251
Segnet die Rechte des traurenden Barden,
252
Sei stolz!
253
Deiner Herrlichkeit Gründer!
254
Mächtiger Schaffer!

255
Am Tage des Völkergerichts
256
Ragt hoch über die Völker
257
Und unter Germaniens Töchtern hoch

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Friedrich Daniel Schubart
(17391791)

* 24.03.1739 in Obersontheim, † 10.10.1791 in Stuttgart

männlich, geb. Schubart

deutscher Dichter, Musiker, Komponist und Journalist

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.