Thies und Ose

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gustav Falke: Thies und Ose (1884)

1
In Wenningstedt bei Karten und Korn
2
Erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn
3
Seinen Gast. Thies Thießen war stark,
4
Und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.

5
Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh.
6
Aber wo war Thies Thießen? Wo?
7
Sie suchten ihn und fanden ihn nicht,
8
Und der Galgen machte ein langes Gesicht.

9
Ose, des Mörders Weib, kam in Not.
10
Vier Kinder wollten von ihr Brot.
11
Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück
12
Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.

13
Doch stand sie in Ehren bei jedermann
14
Und tat ihnen leid. Die Zeit verrann,
15
Und Thies Thießen war und blieb
16
Weg, als wäre die Welt ein Sieb.

17
So wurden es Jahre. Auf einmal fings
18
Zu tuscheln an, bis nach Rantum gings:
19
Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu!
20
Meint ihr? Und sie nickten sich zu.

21
Sie war doch sonst ein ehrlich Weib,
22
Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib.
23
Mit wem sies wohl hält? Das Mannsvolk ist toll!
24
– Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.

25
Die fromme Ose ertrug es in Scham,
26
Kein Wort über ihre Lippen kam.
27
Nur einem fraß es am Herzen und fraß,
28
Bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.

29
Und eh sichs die Lästermäuler versahn,
30
Stand er auf: Ich habs getan!
31
Und standen alle und glotzten sehr:
32
Thies Thießen? Gott sei bei uns! Woher?

33
Nicht verrat ich das Dünenloch,
34
Und ihr findet es nimmer. Sie aber fands doch.
35
Und gehts um den Hals, das Kind ist mein.
36
Und verdammt, wers nicht glaubt. Ich bläus ihm ein.

37
Und er sah elend aus und schwach,
38
Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach,
39
Bis ihnen allen allmählich klar,
40
Daß der da wirklich Thies Thießen war. –

41
Der Hansen war tot, von keinem vermißt,
42
Ein Säufer war er und schlechter Christ.
43
Aber der Thießen, ein Kerl ist er doch!
44
Und die Ose, gibts eine Bravere noch?

45
Alle die Jahre in Elend und Not
46
Teilte sie ihr Hungerbrot
47
Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da
48
An seinem Hals. Es ging allen nah.

49
Sie kauten und spuckten und sahen sich an
50
Und schoben sich sacht an Thießen heran
51
Und brummten und schüttelten ihm die Hand.
52
Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.