Das Opferkind

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Gustav Falke: Das Opferkind (1884)

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Bei Heiligenstedten, der Stördeich wars,
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Der Deich wollte nicht halten.
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Ein Loch klaffte, man kriegt es nicht zu,
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Die Flut weiß zu spülen, zu spalten.
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So viel man auch stopft mit Erde und Stein,
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Das Meer stößt ein neues Loch hinein.

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Da war Not. Wich der Deich,
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Das Land mußte ersaufen.
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Eine alte Frau wußte Rat,
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Man könnt es dem Teufel abkaufen:
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Freiwillig muß ein Kind da hinab,
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Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.

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Ein Kind! Einer Mutter Kind!
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Hält jede ihrs fester am Herzen.
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Und wenn die ganze Marsch ersäuft,
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Kann eine ihr Kind verschmerzen?
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Da war Not. Das Loch muß zu.
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He, Tatersch, hör mal, bettelst du?

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Hier, tausend Taler! Klimperts nicht gut?
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Der Zigeunerin funkeln die Augen.
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Tausend Taler? Nehmt den Balg!
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Kann doch nur zum Bettel taugen.
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So Schilling für Schilling erscharrt sichs schlecht.
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Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.

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Sie legen ein Brett über das Loch
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Und ein weißes Brot in die Mitte.
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Der hungrige Knabe schwankt daher,
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Kleine, hastige Schritte.
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Jetzt langt er nach dem Brot. Weh! Das Brett
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Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett.

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Kein Schrei. Alles stiert
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Stumm aufs Quirlen und Quellen.
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Da taucht es auf, ein blaß Gesicht,
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Aus den lehmigen Wellen,
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Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß:
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»ist nichts so weich als Mutters Schoß.«

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Und taucht zum zweitenmal auf und spricht:
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»ist nichts so süß, als Mutters Liebe.«
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Wie das Wort alle packt und brennt.
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Wenn doch das Kind endlich unten bliebe!
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Doch kommt es zum dritten und spricht aufs neu:
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»ist nichts so fest als Mutters Treu.«

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Dann sinkt es weg. – Sie atmen auf,
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Nun muß das Werk geraten!
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Die Gäule keuchen, die Karren knarrn,
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Es ächzen und knirschen die Spaten.
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Erde und Stein hinein ins Loch!
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Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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