Die Regeninsel

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Gustav Falke: Die Regeninsel (1884)

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Aus eines fernen Ozeans grauen Wassern,
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Die nie ein Sturm aus ihrer Ruhe rüttelt,
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Ragt unter schwerem, ewig trübem Himmel
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In flachem Anstieg eine stille Insel.
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So lang des Meeres schläfrig träge Wellen
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Mit schmutzig gelbem Schaum den Strand umkränzen,
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Seit tausenden von Jahren, rieselt endlos
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Derselbe sanfte Regen aus den Wolken
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Und näßt den Boden, dessen üppige Wildnis
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Die Feuchte trinkt mit immer durstigem Mund.
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Und ewig plauscht und plantscht und plitscht und platscht es.

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Eintönig, rhythmenlos, tropfts von den Zweigen,
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Gluckst seufzend von den Ranken, fällt von Halmen
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Wie Tränen ab und klatscht in tausend Tümpel,
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Lehmfarbige Lachen, und verspritzt, zerstäubt.

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Baumriesen, deren nasse, blanke Äste
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Schlammfransen schmücken, als ob gestern erst
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Die Insel aus den Fluten sich erhoben,
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Beschatten mächtige Farrenwedelwälder
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Und dicke, fleischige, tellerförmige Blätter
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Von Sumpfgewächsen rings und hochgestielte
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Farblose Blumen, die in schwammigen Kelchen
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Den Regen fangen, der in feinen Bächen
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Der schwanken Becken Ränder überrinnt,
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Und ewig plauscht und plantscht und plitscht und platscht es.

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Fremdartige Vögel horsten auf den Bäumen
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Mit fettigem, ölglänzendem Gefieder
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Und schwarzem, abgestumpftem Entenschnabel.
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Aus lehmiger Erde bauen sie die Nester
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Den schlick- und schlammumhüllten Waldkolossen
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In ihre breiten Arme. Klagend klingen,
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Gebrochen, schrill, die wunderlichen Rufe
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Der großen grauen Tiere, die mit leisem,
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Fast regungslosem Flug die weite Öde
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Der See bestreichen und nach Fischen fahnden.

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Seltsame, stumme Stelzenvögel jagen
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Im Sumpf nach feisten, plumpen Riesenfröschen,
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Und fabelhafte Wesen, halb der Otter,
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Halb einem Eichhorn gleich, mit Flatterflügeln
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Wie eine Fledermaus, nur größer, führen
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Ein wunderliches, drolliges Doppelleben,
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Halb Vogel und halb Fisch, in all dem Naß.
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Und ewig plauscht und plantscht und plitscht und platscht es.

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Doch märchenhafter noch als diese Tiere
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Sind hier die Menschen. Klein, breitmäulig, schielend,
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Mit Karpfenaugen unter wulstigen Lidern,
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Und fischgeschwänzt, Schwimmhäute an den Händen,
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So liegen sie, aus ihren Bieberhütten
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Hervorgekrochen, paarweis und in Rudeln,
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Gleich Robben rings am Strande auf den Bäuchen,
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Siesta haltend in den Mittagstunden
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Und schläfrig grinsend, wenn mit lautem Klatschen
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Ein Fisch sich aus den kaum bewegten Fluten
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Des müden Meeres in den Regen schnellt.

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Und ewig plauscht und plantscht und plitscht und platscht es
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Aus grauem Himmel auf die tranigen Leiber
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Der Robbenmenschen, rollt in runden Perlen,
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In kleinen Kügelchen herab und löst sich
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In Tropfen, zitternd, zögernd, von den breiten,
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Ein wenig aufgestülpten Nasen ab.

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Ein tiefes Schnarchen knurrt am Ufer hin.
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Und manchmal lacht ein leises, fettes Kichern
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Wie hinter vorgehaltenen Händen auf,
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Wenn hinterrücks so ein geschwänzter Schäker
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Mit langem, spitzem Schilf ein Mädchen kitzelt,
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Das nur so tut, der Schelm, als ob es schläft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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