Die Bodenkammer

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Gustav Falke: Die Bodenkammer (1884)

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Das war auf unsrer Bodenkammer,
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Wo schräg das Dach darüber lief.
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Ach, was verschloß die rostige Klammer
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Der schweren Tür! Von keinem Brief
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Wurd je ein Siegel weggebrochen
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Mit so erhöhtem Herzenspochen,
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Als wir zum Paradies dort oben
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Die schwere Luke keuchend hoben.

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Da gab es einen Tannenbaum,
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Vom letzten Fest noch aufgehoben,
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Der fuhr als Schlitten durch den Raum,
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Daß Staub und trockne Nadeln stoben.
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Da gab es eine Wäschemangel,
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Die rollend an zu kreischen fing,
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Wie noch in keiner rostigen Angel
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Je eine alte Türe ging.

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Da gab es eine leere Kiste,
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Ganz wie gemacht zum Höhlenhaus,
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Ein morsches Ding, ein Wurmgeniste,
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Und Spinnen tapeziertens aus.
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Doch Kindersinn hat Zauberkraft
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Mehr als die Lampe Aladins,
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Ein Wunsch – da baut sich Schaft an Schaft
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Das schönste Schloß, Fürsten beziehns.

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Dann war da eine alte Wanne,
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Die, leck, schon längst kein Wasser sah,
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Und eine alte Gärtnerkanne,
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Durchlocht und ganz zerbeult, war da.
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Das war ein Trommeln und Trompeten!
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Herr Hauptmann und Herr General!
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Das ganze Bataillon antreten!
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Zu Pferde stieg der Feldmarschall.

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Und ja das Pferd! Kein Blücher drückte
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Ein bessres unterm Siegeslaub.
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Dort floß der Rhein, der überbrückte,
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Dort der Kartoffelsack war Kaub.
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Der alte brave Schaukelschecke
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Fiel vom Galopp in pleine carrière
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Und mitten in der Feinde Heer,
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Kam er dabei auch nicht vom Flecke.

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Ach Gott, was schlossen diese Wände
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Nicht alles ein, die ganze Welt,
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Von einem bis zum andern Ende,
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War zwischen ihnen aufgestellt.
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Im schiefen Dach das kleine Fenster
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Warf Licht in ein unendlich Land,
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Wo Räuber, Könige und Gespenster
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Das Kind in jedem Winkel fand.

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O könnt ich einmal noch im Leben
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Die knarrenden Stufen da hinan,
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Die alte schwere Luke heben
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Und in der Bodenkammer dann
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Noch einmal auf dem Schaukelpferde
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Napoleon in Ägypten sein
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Und mit tyrannischer Geberde
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Die Welt in Grund und Boden schrein.

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Aus manchem Sattel mußt ich gleiten,
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Drin ich ein Feldherr mich geglaubt,
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Und mußte still zu Fuß dann schreiten,
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Ein Wandrer, den der Weg bestaubt.
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O Rößlein meiner Knabenspiele,
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Du trugst mich schlank an alle Ziele,
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Die mein Papierhelm vor sich sah –
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Ein Gertenschlag: Viktoria!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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