Sonnenblumen

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Gustav Falke: Sonnenblumen (1884)

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Am Abend zwischen Traum und Wachen,
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Ich dachte nicht grad an heilige Sachen,
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Vor mir der Nazarener stand.
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Die schönen Gottesaugen lagen
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Auf mir wie zwei freundliche Fragen.
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Hielt eine Blume in der Hand,
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Hochstengelig ein goldener Stern
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Lehnt an der Schulter unserm Herrn,
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Wie frommer Maler Engelsgestalten
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Ihre Friedenspalmen halten:
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Eine Sonnenblume, voll erschlossen,
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Von einem lieblichen Licht umflossen,
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Hob sich von seinem blauen Kleid
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Als ein glänzendes Geschmeid.
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So schwebte wie ein Nebel zart
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Vor mir die göttliche Gegenwart,
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Darauf ich holden Schreckens geblickt,
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Bis ich darüber eingenickt.

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Am Morgen, nach gesundem Schlaf,
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Stand mir der Sinn ins Feld hinaus,
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Wo ich auf eine Hütte traf,
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Ein leicht gezimmert hölzern Haus.
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Drum ragten als ein Schirm und Zaun,
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Als ein golden Gegitter anzuschaun,
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Hochsäulig aufgereiht beisammen,
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Sonnenblumen, zehn helle Flammen.

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Das war ein dichterlicher Platz,
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Wie nur am Wege hold versteckt
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Ein Sonntagskind ihn einmal entdeckt.
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Ein Wässerlein lief mit süßem Geschwatz
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Durch eine schattige Wiese hin,
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Sonst war die Stille hier Königin;
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Ihr König, der Frieden, saß auf der Bank
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Und putzte seine Krone blank.

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So oft ich dem Häuschen vorübergeh,
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Ein blau Gewand ich vor mir seh.
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Geht nicht, steht nicht, schwebt vielmehr
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In einiger Höhe vor mir her.
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Schöne Gottesaugen schlagen
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Sich nach mir auf mit freundlichem Fragen,
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Und von der Schulter unserm Herrn
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Nickt schwankend der goldne Blätterstern,
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Die Sonnenblume, voll erblüht,
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Von einem himmlischen Leuchten umglüht.

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War nie diesen Blumen recht gut gewesen.
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Schalt sie bäuerisch und gemein,
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Kamen mir vor wie Küchenbesen,
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Die gerne wollten Prinzessinnen sein.
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Aber so läßt, was wir verachtet,
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Ehs drüber getagt nur oder genachtet,
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Oft plötzlich die schlichte Hülle sinken
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Und uns seine heimliche Schönheit trinken.
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Besonders Poeten kommen oft
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Zu solchen Gnaden unverhofft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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