8.

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Gustav Falke: 8. (1884)

1
Eine Hamburger Brigg war's. Vom Sturm verschlagen,
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Sahn sie den einsamen Felsen ragen,
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Den unbekannten, hervor aus den Wogen,
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Und steuerten näher, von Neugier gezogen.
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Da sah durch das Glas der Kapitän
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Auf dem nackten Stein unsre Flagge wehn,
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Und wir waren gerettet.
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Sie fanden mich
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Fast sprachlos vor Freude, und wunderten sich,
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Mich kräftig zu sehn und wohl genährt.
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In fliegender Hast stand Rede ich,
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Und hatte in kurzem sie aufgeklärt.
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Gleich waren bereit sie zu folgen, und brachten
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Den Schiffsarzt mit, an alles dachten
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Die Wackeren. Drängend trieb ich zur Eile
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Und duldete nicht die kleinste Weile.
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Mir bangte, je näher dem Ziel wir kamen,
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Und immer war ich eine Strecke voran,
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Und wartete wieder und trieb sie an.
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Sie folgten mir mühsam: »In Gottes Namen!«
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Und da lag sie vor uns im Sonnenschein,
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Die Hütte, mein Haus, mein Alles. Allein
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Erst schlich ich hinein und atmete hoch
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Und dankte Gott. Sie lebte noch.
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Doch ich sah, ein Blick, was sie litt, und wie nah
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Ihre Stunde muss't sein. Und leise rief
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Ich den Doktor herein. Und da sie schlief,
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Beruhigte er mich mit Trostgebärden
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Und machte mir Mut, es würd gut schon werden.

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Und sie blieben bei mir, hülfsbereit,
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Und schickten mich schlafen. Sie waren ja da
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Und wachten, und meine Kraft war hin,
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Und vor mir noch eine bange Zeit.
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Da legte ich mich und streckte die Glieder,
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Und ließ auch der Schlaf sich gleich hernieder
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Und schloss mir die Augen und hielt mich umfangen,
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Bis alles vorbei. – Kaum wagt' ich vor Bangen
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Die Augen zu öffnen. Doch da – ja! – gewiss!
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Eine Kinderstimme, ein kräftiges Schrein!

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O wie ich schnell mich vom Lager riss
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Und ließ mich nicht halten und eilte hinein.
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Mein Weib, mein Kind, ich wollte sie sehen.
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Der Arzt ging leise auf den Zehen
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Und wies nach dem Bett. Da lag sie bleich,
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Und um den Mund einen Schmerzenszug.
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Und der Atem ging pfeifend und ging nicht gleich –
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Und des Doktors Blick, – da wusst ich genug,
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Und stöhnte laut auf und fiel aufs Knie.
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Was war mir das Kind, wenn verloren sie,
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In der Stunde starb, wo die Rettung da.

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Da fluchte ich Gott, dem Wahnsinn nah,
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Und ballte die Fäuste und schlug die Erde.
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Wer hätt' es ertragen mit Demutgebärde?
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Warum? Warum? Was hatt' ich verschuldet,
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Und sie? – Drei Jahre in Demut geduldet
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Und Gott ergeben und fromm. Und jetzt,
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Da auf den Knieen ich vor ihm gelegen
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Und gedankt ihm, dass er erhört mich zuletzt,
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Jetzt tritt er mir grausam, höhnend entgegen,
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Jetzt tritt er mich ganz in den Staub, zertritt
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Mich lieblos. Und ich lag, und stritt
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Und zürnte mit Gott, und riss aus dem Herzen
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Den Glauben an ihn unter tausend Schmerzen.
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Wenn ich nicht geflucht, wenn ich fromm geblieben,
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Seinen Namen gepriesen, ob er Mitleid gezeigt?
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Ob ein Körnchen von seinem unendlichen Lieben
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Er übrig gehabt, wenn voll Demut geneigt
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Das Haupt ich hätte und hätte geweint,
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Trotzdem es Lüge, nicht ehrlich gemeint,
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Was du thust, Herr, das ist wohlgethan?

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Die Zeit ist vorüber. Längst bin ich gefasst?
72
Und trag' ohne Murren des Lebens Last,
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Und frage nicht mehr, warum das alles.
74
Was weiß ich von Gott. Die Herren Pastoren
75
Füll'n uns mit großen Worten die Ohren,
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Lullen uns ein nur besten Falles.
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Ich aber bin taub dem Priesterwahn.
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In jener Stunde, als starb mein Weib,
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Denn das war sie, auch ohne Pastor und Papier,
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Da starb meine Frömmigkeit auch mit ihr,
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Da begrub ich den Glauben mit ihrem Leib.

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Bei der Hütte, nah der verlassenen Schwelle,
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Die zum letzten Mal ich nun überschritten,
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Wo wir so glücklich, so glücklich waren
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Zusammen, und wo wir zusammen gelitten
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Weltfern, allein, in den langen Jahren,
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Bei der Hütte gruben an schattiger Stelle
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Ein Grab wir für sie. Das dritte nun,
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Das ich grub: für den Jungen, für jenen, den wir
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In dem Palmenwäldchen fanden hier
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Den ewigen Schlaf unter Würmern ruhn,
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Und für sie nun auch. Jens Jensen lag
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Auf dem Meeresgrund seit jenem Tag.
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Nur ich allein von allen gerettet
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Und das Kind. Wie gern hätt' das Kind ich gebettet
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Statt ihrer dort in die Einsamkeit.

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Jetzt freilich möcht' ich es missen nicht,
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Da hinter mir liegt jene schreckliche Zeit.
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Jetzt ist es mein Trost, mein Augenlicht,
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Mein Töchterchen blond, wie die Mutter ganz,
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Mein muntres Fränzchen, mein wilder Franz.
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Denn sie ist wie ein Junge, so wild, voller Kraft,
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So voll Leben und feuriger Leidenschaft,
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Die einst machte wallen den Eltern das Blut
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In der Wildnis, in der freien Natur,
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Genährt von den Früchten des Waldes nur,
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Ohne Schutz und Gesetz, nur in eigener Hut.

108
Was musst' ich nicht alles dem Ding erzählen,
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Schon früh, von dem einsamen Fels im Meer,
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Darauf sie geboren. Das war ein Quälen.
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Und ob sie's selbst sagte am Schnürchen her,
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Ich musste es immer noch einmal berichten
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Und durfte nichts ab und hinzu nichts dichten,
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Sie ließ nichts durch. Und es hatt' nicht Gefahr.
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Noch heute steht mir, so Jahr um Jahr,
116
Vor den Augen alles wie gestern geschehn.
117
Das vergisst sich nicht, wie die Jahre auch gehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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