1
Die Wochen, die Monde, ich schildere sie nicht,
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Wenn rechts die Hoffnung ins Ohr dir spricht
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Mit süßem Wort, und links dir flüstert
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Die Furcht ihre Zweifel, und dich umdüstert
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Mit bangen Schatten, und es wechselt so ab,
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Hältst jede Stund einen andern Stab,
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Womit du das Leben misst, seinen Wert.
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Das sind Zeiten, die niemand zurückbegehrt,
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Auch in der Erinnerung nicht. So schweige
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Das Kind zu empfangen. Geschmeidige Zweige
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Und Bast hatte ich in der letzten Zeit
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Auf täglichen Gängen im Walde gesucht,
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Draus flocht ich heimlich, versteckt in der Bucht,
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In der Auslughöhle am einsamen Strand
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Zur ersten Wiege die erste Wand,
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Und freute mich, sie mit dem Meisterstück
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Überraschen zu können, und träumte vom Glück
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Der kommenden Zeit. Da saß ich nun
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Bei dem ungewohnten, köstlichen Thun;
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Sah über die Arbeit hinaus auf das Meer,
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Das öde wie immer und hoffnungsleer,
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Kein Segel rings, nur Wellen und Wellen,
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Und drüber die Möven, die rastlosen, schnellen.
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Eine Arbeit war's, so ungewohnt
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Wie sauer, doch fühlt' ich mich reichlich belohnt,
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Sah ich sie langsam sich fortgestalten,
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Und dacht' an das Glück, das sie sollte halten,
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Das sie bergen sollte in ihrem Schoß.
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Und es ward eine Wiege für zwei, so groß.
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Das Glück! Das Lachen! Die Thränen! als
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Mein Meisterwerk nun vor ihr stand.
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Ach, wie wenig gefiel mir's, wie schien es mir roh
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Und plump, sie aber war herzlich froh
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Wie ein Kind, und weinte an meinem Hals,
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Und lachte und küsste mich zwanzig Mal,
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Und stieß mit dem Fuß die Wiege an,
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Und streichelte sie mit zärtlicher Hand,
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Und ließ sie schaukeln und sang dazu,
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Und rief dann wieder: »Du Guter, du,
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Du lieber, einziger, guter Mann!«
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Dies Glück, dies Glück! – Und dann kam der Tag,
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Der bange, wo sie in Schmerzen lag.
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Und es ward ihr schwer, und es rüttelte sie,
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Und ein Fieber kam, eine Marternacht.
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Ich saß bei ihr, vergrämt und verwacht,
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Und draußen heulte ein West-Nord-West.
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Da richtete plötzlich sie hoch sich auf,
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Mit großen Augen, starr und blank,
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Und hielt meine Hand, und hielt sie fest,
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Und rief im Fieber, nein, rief nicht, schrie:
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»ein Schiff, ein Schiff! zu uns sein Lauf.
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Gerettet!« und kraftlos zurück sie sank,
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Die Augen geschlossen und atmend tief,
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Und sprach kein Wort, ob ich bat und rief.
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Da packte mich Graun, und ich stürzte hinaus.
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Der Westwind heulte, die Nacht war graus
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Und wüst genug, doch wilder schon trieb
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Oft der Sturm sein Wesen. Im Ohre blieb
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Mir immer ihr Ruf: Ein Schiff, ein Schiff!
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Und ließ mir nicht Ruhe. Der starre Blick,
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Der drängende Ton, war's Himmelsgeschick?
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Hätte Gott ihr gezeigt, dass Rettung nah?
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Wäre wahr es, was sie im Fieber sah?
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Da fiel auf die Knie ich, und betete tief,
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Und riss mich dann los und stürzte fort.
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Und immer war mir's, als ob sie rief:
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»ein Schiff, ein Schiff!« Und wie ich so lief
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Durch die Nacht, durch den Wald, da wusste ich's klar:
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Du triffst ein Schiff, sie sagte wahr.
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Rettung, Rettung. Kein Fieberwort.
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Mich jagte die Angst, wie den Hirsch die Hunde.
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Wie dehnte der Weg sich, fast eine Stunde,
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Im Sturm, in der Nacht. Ich fiel, sprang auf,
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Zerriss mir die Kleider, die Haut im Lauf
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An dornigen, stachlichten Sträuchern; so legte
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Ich keuchend den schrecklichen Weg zurück.
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Der Mond warf blasse Lichter zum Glück
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Durch die Wolken, wenn minutenlang
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Ein Windstoß sie auseinanderfegte.
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So kam ich ans Meer, und keuchend rang
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Nach Atem die Brust, und das Herz wollte springen,
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Und ich sank auf den Stein, und fiel auf die Hände,
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Und es war, als ob wirbelnd die Klippenzacken
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Und die Wellen um mich im Kreise gingen,
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Als ob alles im rasenden Tanz sich befände,
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Und die Wolken griffen, mich anzupacken,
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Mit langen Armen hinunter. Mir schwand
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Das Bewusstsein. Da lag ich nun hier am Strand
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Von Ohnmacht umfangen, in Sturm und Nacht;
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Und lag so Stunden, denn als ich erwacht,
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War sanfter der Wind und der Himmel fast klar.
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Zerrissnes Gewölk nur wie Raben umflog
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Die Sonne, die über dem Wasser war.
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Und im flimmernden Glanz – wenn das Auge mich trog?
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Wenn ich träumte noch, fiebernd, und alles wär Wahn? –
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Doch nein! vom flimmernden Glanz umflossen
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Grüßten Segel herauf, ein Schiff, eine Brigg!
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Wahrheit war, was die Augen sahn.
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Und wie verzückt, mit trunkenem Blick,
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Verschlang ich das Bild, wie angegossen.
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Dann rafft' ich mich auf, und sprang, und schrie
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Und warf die Arme, und stürmte hinauf
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Auf die höchste Klippe, und schwang im Lauf
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Mein Hemd, das schnell ich vom Leib gerissen,
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Und sah, so war es mir, drüben sie
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Als Antwort eine Flagge hissen.
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Dann stand ich oben, halb nackt und bloß,
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Und zerrte blind hastend die Latte los
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Und zerrte an ihr die Nägel mir wund,
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Und schwang sie mit beiden Fäusten im Wind,
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Und warf sie zu Boden, und hielt an den Mund
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Die Hände, und schrie mit aller Kraft,
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Und schwenkte dann wieder den Flaggenschaft.
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Und sie sahen mich, kamen. Ein Boot stieß ab,
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Zu retten uns aus dem Felsengrab.
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Mit trockenem Gaumen und fliegenden Gliedern,
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Mit gierig aufgerissenen Lidern,
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Nach vorn gebeugt, so stand ich da,
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Und zagte und zagte, ob recht ich sah.
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Kein Zweifel! sie kamen. Sie ruderten scharf.
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Da jauchzte ich auf. Auf den Felsen warf
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Ich mich nieder, die Stirn auf den kalten Stein,
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Und schluchzte, schluchzte auf wie ein Kind,
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Und lachte und weinte, und war wie von Sinnen.
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Sie kamen, wir sollten gerettet sein;
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Nicht schnell genug wollte die Zeit mir verrinnen.
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Ich zählte die Schläge der Ruder, und maß
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Mit den Augen die Strecke, und stand und saß
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Und lief und stand und hockte wieder
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Mit zitternden Knien eine Weile nieder.
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Drei Jahre waren, drei Jahre es ja!
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Und endlich Erlösung, so nah, so nah!