Doch wie ich schon sagte, wir aßen uns satt

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Gustav Falke: Doch wie ich schon sagte, wir aßen uns satt Titel entspricht 1. Vers(1884)

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Doch wie ich schon sagte, wir aßen uns satt
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Und blieben gesund. Das heißt, bis auf einen,
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Den raffte der Tod schon im ersten Jahr,
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Und wenn ich dran denke noch, möchte ich weinen.
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Noch oft in der Nacht mir sträubt sich das Haar,
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Wenn dem Traum ich entronnen, heiß und matt
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In den Kissen sitzend, dem schrecklichen Traum,
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Dem ich selbst im Grab nicht werde entgehn.
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Ich sehe die Klippen, den fliegenden Schaum
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Der Wogen, und höre das donnernde Meer
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Und den Schrei, den Schrei darüber her.
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Doch ich will erzählen, wie alles geschehn.
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Zwei Männer, ein Weib, in der Wildnis allein,
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Eine kleine Familie. Es lebt sich zu drein
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Ja besser, geselliger noch als zu zwein,
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Und ein Weib in der Wirtschaft ist immer was wert,
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Und doppelt nun uns. Denn ein Weib weiß viel mehr,
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Ist findiger, gewandter, zu allem geschickt.

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Wir nahmen die Steine zum Bau für den Herd
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Und schlugen Feuer und kochten und brieten,
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Rösteten Wurzeln und Früchte und freuten uns sehr,
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Wenn Vögel einmal an den Spieß gerieten.
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Jens Jensen verstand sie in Schlingen zu fangen,
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Selten ist ihm ein Vogel entgangen.
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Küche und Keller waren immer gespickt,
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Denn wir waren zu dritt ja und sorgten vereint.
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Wär' jenem, dem unter den Palmen, nur ein
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Gefährte gewesen, der mit ihm geweint
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Und mit ihm gehofft, es möchte wohl sein,
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Dass er es ertragen, wie wir es ertrugen.
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Wir hielten's so aus unter fleißigem Lugen
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Nach Rettung und unter dem täglichen Treiben.
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Wir hielten die Hütte in wohnlichem Stand
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Und richteten ein uns, als gält' es zu bleiben,
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Wir hatten Tisch und Bank, und ein jeder
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Sein Lager von Streu so weich wie Feder.
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Und weil sie ein Mädchen noch, zogen wir gleich
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Zwischen ihr und uns eine teilende Wand
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Von Weidengeflecht. Sie hatte ihr Reich,
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Ihre Kammer für sich. Im übrigen waren
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Wie Brüder und Schwester wir drei. Doch dann
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Musst' es nicht kommen, konnt' anders es sein?

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Jens Jensen und ich noch jung an Jahren,
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Und sie so von neunzehn, unschuldig und rein,
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Und gesund und kräftig und schön die Glieder,
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Die Natur wollt' ihr Recht von Weib und Mann.
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Bald meldete sich's, doch wir zwangen es nieder.
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Und mir ward's nicht schwer erst. Ich dachte nach Haus,
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An die Frieda, und wies den Versucher hinaus.

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Auch sie war gleich mir durch ein Wort schon gebunden,
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War Braut, und wollte mit unsrer Brigg
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Hinüber zu ihm, der vergebens nun harrte,
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Dem Ärmsten, den so das Schicksal narrte.
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Und sie liebte ihn heiß, ich sah es am Blick,
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An der Thräne, die durch die Wimper brach,
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Und hört' es am Klang, wenn sie von ihm sprach.
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Und so klagten wir beide uns unsere Leiden,
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Und es knüpfte ein Band sich zwischen uns beiden.

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Jens Jensen aber war nie für die Tugend.
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Er kannte die Weiber trotz seiner Jugend,
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Kannte besser sie als die zehn Gebote.
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Ich sah es, wie es oft plötzlich lohte
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In seinen Augen, und wie die Begier
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Ihm im Herzen erwachte allmählich nach ihr.
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Doch muss ich es sagen, er gab sich nicht hin,
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Goss Wasser in den entflammten Sinn
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Und achtete sie. Und sie verstand es,
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Die Würde zu wahren, im Zaum uns zu halten.
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Doch sah ich es wohl, nicht verlief so im Sand es,
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Und die Zeit ließ reifen die bösen Gewalten,
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Die Sündenbegier.
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Und war sie nicht Weib?
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Und war nicht bethörend ihr herrlicher Leib,
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Kraftstrotzender noch im Kampf um den Tag
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Allmählich geworden? Wenn schlaflos ich lag
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In der Nacht auf der Streu und, Wand an Wand,
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Ihren Atem hörte, wie ruhig er ging,
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Und die Sinne so heiß mir, so schwül alles rings,
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Und ich gepeinigt vom Lager aufstand,
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Da war auch die Tugend für mich ein Ding
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Von wenig Gewähr. Ja, so war es, so fing's
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Bei uns beiden an, und sie merkte es dann,
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Und ich sah, wie sie sich zu fürchten begann,
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Und wie sie litt und es doch verbarg,
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Aus Stolz, und war, als hätt' sie kein Arg.
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Und das zügelte uns. Und auch niemals fiel
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Zwischen Jens und mir darüber ein Wort.
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Wir fühlten es alle, und fort und fort,
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Und fühlten es wachsen und sahen kein Ziel.

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Da, einst, ich hatt' einen Tag und die Nacht
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In der Höhle am Strande zugebracht
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Beim Fischen und Muschelsammeln und hatte
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Den Mast befestigt, 's war mehr eine Latte,
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Aufs neue wieder und auch das Tuch,
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Das dort Tag ein, Tag aus im Wind
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Mit klatschendem Laute Falten schlug,
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Vorübersegelnden Zeichen zu geben.
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Ich hatte reichlich Muscheln und Fische,
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Leckerbissen unserem Tische,
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Und trug sie im Netzkorb, aus Bast geflochten,
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Und freute mich, wie sie uns schmecken mochten.
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Wir konnten zwei Tage gut davon leben.
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So kam ich zurück und traf sie allein
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Und fragte nach Jens. Sie wusste es nicht:
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Er möchte wohl jetzt im Walde sein.
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Doch sah ich es gleich an ihrem Gesicht,
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Es war was geschehen, das sie heimlich quälte
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Und das sie mit Absicht mir verhehlte.
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Ich fragte nicht nach und ließ sie in Ruh.
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Zur Mittagszeit kam auch Jens Jensen hinzu.
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Ich wunderte mich, er war befangen,
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Als wär' er am liebsten gleich wieder gegangen.

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Und dann beim Essen nachher geschah es,
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Dass er verstohlene Blicke, ich sah es,
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Und lodernde Blicke, halb Scheu, halb Hass,
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Warf über den Tisch, und ich glaubte zu sehen
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Dann flüchtig wie Blitzschein im Antlitz stehen
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Ein Etwas ihr, wie Schauder, wie Zorn,
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Das färbte die Wangen ihr rot und blass.
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Da nahm ich die beiden genauer aufs Korn.
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Doch merkten sie's wohl, denn früher ließen,
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Als sonst, sie allein mich. Das musst' mich verdrießen
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Nur doppelt und meinen Argwohn wecken,
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Kein Zweifel, die beiden spielten Verstecken.

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Und dann war alles auf einmal mir klar.
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Und rief ich auch zehnmal: Es ist nicht wahr!
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Es kann nicht sein! Es machte sich gelten,
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Ich konnt' es nicht bannen mit Zweifeln und Schelten.
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Er hat es gewagt! Und sie? – Ich fühlte,
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Wie heiß es mir unterm Brustbein wühlte,
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Ins Hirn mir griff, und ich wollt' es nicht fassen,
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Und konnte doch nicht den Gedanken lassen.
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Da fasste ich Mut und trat zu ihm hin
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Und fragte Jens Jensen, nicht gerade zu,
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Doch merkte er wohl, was ich hatte im Sinn.
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Und er lachte nur leicht und höhnisch dazu,
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Und er wurde rot und wandte sich kurz.
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Mir war's, als überfiel mich ein Sturz,
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Ein Feuerstrom, und ich hob nur die Hand
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Und ballte die Faust ihm hinterher,
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Der pfeifend hinter den Palmen verschwand.

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Aber mein besseres Ich griff zur Wehr.
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Er lügt! so schrie es in mir, er lügt!
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Nicht hat sie sich willig der Schmach gefügt.
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Sie hat sich gewehrt mit der Riesenkraft
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Ihres Stolzes gegen die Leidenschaft
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Und rohe Gewalt. Es bäumte empört
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Sich alles in mir auf, wenn ich dacht',
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Er hätte missbraucht seine rohe Macht,
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Seine Löwensehnen, zu schänden dies Weib,
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Hätte besiegt diesen herrlichen Leib,
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Sie hätte, bewältigt, ihm angehört.

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Verruchter! rief ich, Elender du!
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Und merkte im Zorn nicht, wie sachte, sacht',
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Der Neid sich regte, die Gier dazu,
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Die Eifersucht ihre Klauen krallte.

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O die Zeit! Wenn Tags ich die Fäuste ballte,
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Misstrauisch Wache stand wie ein Schuft,
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Saß Nachts ich aufrecht und ohne Schlaf,
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Auf jeden Laut, der das Ohr mir traf,
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Mit Argwohn lauschend, und fiebernd dann,
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Selbst wilden Begierden ein machtloser Mann,
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Das Lager küssend, die leere Luft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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