1
Schon Stunden irrten wir hin und her
2
Und fanden nicht, was das Herz ersehnte.
3
Nur Wildnis ringsum und menschenleer,
4
Und dunkel der Schatten des Abends sich dehnte.
5
Da flochten wir Zweige zu Zweigen zum Dach
6
Und rissen vom Boden das Kraut und die Halme.
7
Und säuberten ihn, und unter der Palme
8
Bereiteten so wir ein Schlafgemach.
9
Dann wiesen wir jedem sein Lager zu eigen,
10
Und brachten den knurrenden Magen zum Schweigen
11
Mit Rinden und Wurzeln und was sich so findet
12
An Früchten im Walde, wo Furcht doch bindet
13
Die lüsterne Hand, mit giftiger Speise
14
Auf einmal zu enden die Jammerreise,
15
Leben genannt. Der Mensch ist so schwach,
16
Trotz allem Elend und Ungemach.
17
Sieht Glück wie den Wind, wie ein flackernd Licht
18
Im Sumpf, aufspringen und necken und narren,
19
Eitel alles, ohne Bestand, ohne Beharren,
20
Wer aber hängt sich ans Leben nicht
21
Und fürchtet die Frucht nicht, die Frieden ihm bringt,
22
Das Wasser, das lockend von Ruhe ihm singt,
23
Und lässt seinen Leib in des Hungers Krallen,
24
Selbst hungrigen Würmern zum Fraß, gern zerfallen?
25
So nährten wir uns, so gut es ging,
26
Und stillten des wütenden Hungers Plagen,
27
Mit Beeren und Früchten, so gut 's wollt gehn,
28
Und schlürften den Saft mit wildem Behagen,
29
Und unserer Gier war nichts zu gering.
30
Die Wipfel rauschten in lindem Wehn
31
Der Nacht hoch über die fremden Schläfer.
32
Neugierig umsurrten uns glänzende Käfer;
33
Goldflügelig, schillernd, wie Lichter gleißend,
34
Umschwirrten Insekten uns, stechend und beißend.
35
Ein seltnes Gevögel mit buntem Gefieder,
36
Paradiesvögel, Kolibri, Papagein,
37
Flog durch das Gezweig oft mit wildem Schrein,
38
Oft lautlos, gespensterhaft, auf und nieder.
39
Rings Wald nur und Wald. Hochstämmige Palmen,
40
Und wieder im Wald noch ein Wald von Halmen,
41
Von riesigen Farren und dichten Gehängen,
42
Von Schlinggewächsen, ein Streben und Drängen
43
Zum Lichte, nach oben, ein Wirrwarr von Pflanzen,
44
Von Blättern und Blüten, ein Schwirren und Tanzen
45
Von Flügelgetier in schillernden Farben,
46
Ein üppiges Leben ohne Hungern und Darben.
47
Der Mensch allein in der Üppigkeit
48
Den Qualen des langsamen Sterbens geweiht,
51
Die letzten Stunden der Nacht. Mich fror,
52
Bis durch die Palmen der erste Schein
53
Des kommenden Tages brach bleich hervor.
54
Ich dachte zurück an die Heimat lang,
55
An die alte Mutter, die froh und bang
56
Der Rückkehr harrte der »Marie-Anne«,
57
So hieß das Schiff, und die Tage zählte
58
An den Fingern sich ab wohl zehnmal, wann
59
Die schmucke Brigg in den Hafen lief.
60
Wie der Gedanke mich an die Mutter quälte.
61
Und ich dachte der Frieda, der Nachbarin,
62
Der freundlichen blonden. Es war mein Sinn,
63
Zum Weib sie zu nehmen, und halb schon gab
64
Mir das Jawort sie, und ich schrieb einen Brief
65
Noch vom letzten Hafen. Die Post ging grad ab,
66
Und ich musste mich eilen.
68
Erwachend und sah, wie ich sinnend lehnte
69
Am Stamm, und rief mir zu »guten Morgen«.
70
War immer voll Mut und ohne viel Sorgen.
71
Ja, hätten das Weib wir nicht und den Jungen,
72
Wir beide hätten uns durchgerungen,
73
Wie Robinson und sein Freytag. Es müsste
74
Doch einmal ein Schiff unsrer einsamen Küste
75
Sich nähern, so dacht' ich und anderes mehr.
76
Die beiden doch machten das Herz mir schwer.
77
Und sie trug's doch geduldig ohne Murren und Plag.
78
Wir sahen sie an, wie schlummernd sie lag,
79
Und lange an, doch keiner gab kund,
80
Was sich regte in tiefstem Herzensgrund.
81
Und das Tagesgestirn erklomm seine Bahn
82
Mit stetigem Lauf, und der Wald war erwacht,
83
Und lärmend verdoppelt das Leben der Nacht.
84
Da brachen wir auf, stets der Richtung nach
85
Wo ich wähnte, es flösse der Quell, der Bach,
86
Wo wir glaubten, dass nahe den Wiesengründen
87
Vielleicht gar menschliche Wohnungen stünden.
88
Doch das Tagesgestirn erklomm seine Bahn
89
Mit stetigem Lauf, und noch immer sahn,
90
Als Mittag die sengenden Pfeile sandte,
91
Wir Wald und Wald nur, wohin auch wandte
92
Der fiebernde Blick sich. Und Zagen zog
93
Ins Herz mir da, und ich dachte, warum
94
Wir nicht an dem Strand, auf dem Felsen geblieben,
95
Nun irrten wir hier in der Wildnis herum.
96
Vielleicht war ein Schiff schon vorbeigetrieben,
97
Und es hätt' uns gesehen, und wir wären geborgen.
98
So warf ich mir vor und machte mir Sorgen.
99
Jens Jensen brummte und fluchte nur immer,
100
Doch trieb er's an Bord noch weitaus schlimmer,
101
Ein Zeichen, dass auch er das Grauen empfand,
102
Das uns andern fast immer die Zunge band.
103
Das Mädchen mühte sich um den Knaben,
104
Eine Mutter konnt' sich nicht sorglicher haben,
105
Und kühlte die Wunden, die schlimmen ihm, wie
106
Das Mitleid, der Wunsch zu helfen, ihr's lieh,
107
Mit Blättern, mit Tüchern voll feuchter Erde,
108
Und trug von uns allen die meiste Beschwerde.
109
Der Junge war dankbar und küsste oft stumm
110
Dem Mädchen die Hände. Dann wandt' sie sich um,
111
Errötend wohl gar, wenn wir es gesehn.
112
Doch lange, so sah ich, würd's nimmermehr gehn
113
Mit dem Jungen. Der Atem pfiff nur noch,
114
Ich sah, es ging aus dem letzten Loch.
115
Zwei Rippen gebrochen, die Lunge wund,
116
Wer machte ihn hier in der Wildnis gesund?
117
Und wie ich's voraus sah, so kam es, kam bald.
118
Kaum traf uns der zweite Abend im Wald,
119
So standen wir drei an der Leiche, schweigend,
120
Erschüttert das Haupt auf die Brust hinneigend,
121
Mit stummem Blick auf die schwarze Erde.
122
Und als ich so stand, zog wieder mir sacht
123
Durch die Seele, wie in der stillen Nacht,
124
Der Mutter Bild, und ich wandte mich ab,
125
Vor den andern zu bergen die Schmerzgebärde.
126
Auf den Knien, mit den Händen, so haben ein Grab,
127
Jens Jensen und ich, wir gescharrt, gegraben,
128
Nicht tief und nur schmal, drin legten den Knaben
129
Wir sorgsam hinein zur ewigen Ruh,
130
Das Mädchen drückte die Augen ihm zu,
131
Dann sprachen ein stilles Gebet wir drei.
132
Mir fiel nur das Vaterunser bei,
133
Das sagte ich her bis zur Hälfte und dachte
134
Dann heim, weit fort, an den Schulkameraden,
135
Der einst in der Elbe ertrank beim Baden,
136
Und den ich mit zu Grabe brachte,
137
An den Lehrer und an den Pastoren, der mich
138
Konfirmierte, und dachte noch an, Gott weiß,
139
An den Zirkus, und wie wir vom Bretterzaun
140
Hatten freien Blick, und mich fasste ein Graun,
141
Und heiß überlief es mich, siedend heiß,
142
Und ich schämte mich dieser Gedanken jetzt,
143
Und die wunderliche Zerstreuung entwich
144
In unterdrücktem Weinen zuletzt.
145
Mit Farren und Palmen und was sich so fand,
146
Bedeckten wir den Hügel von Sand
147
Und kratzen zum Zeichen ein Kreuz in die Rinde
148
Des nächsten Baumes, als ob ihn wer finde,
149
Als ob ihn besuche wer jemals hier.
150
Und weiter gingen dann schweigend wir
151
Und suchten ein Lager uns für die Nacht,
152
Ich weiß nicht, wie lange wir drei noch gewacht,
153
Und wer zuerst in den Schlummer fiel.
154
Schon hoch stand die Sonne, als jäh ich empor
155
Aus den Träumen fuhr, ihrem spukhaften Spiel.
156
Jens Jensen lag noch fest auf dem Ohr
157
Und schnarchte wie immer. Sie aber saß
158
Abseits auf einem Baumstumpf. Ich sah,
159
Sie hatte geweint, und ihr Antlitz war blass;
160
Stumm saß sie, die Hände gefaltet, da.