Frühling ward's. Die weichen Lüfte

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Gustav Falke: Frühling ward's. Die weichen Lüfte Titel entspricht 1. Vers(1884)

1
Frühling ward's. Die weichen Lüfte
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Künden's und die kleinen Bäche
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Trüben Wassers aus den Rinnen.
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Wie das rieselt, gluckst und plappert,
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Eh' der letzte schäbig-schmutzige
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Rest der einst so leuchtend weißen
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Winterherrlichkeit dahin.

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Frühling ward's. Die Staare künden's,
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Mischen sich, der künftigen bunten
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Farbenpracht ein schwacher Vorschmack,
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Schwarzgefrackt und gelbgeschnäbelt,
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In den grauen Sperlingspöbel.
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Welch ein Piepsen, welch ein Schreien,
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Wunderbare Zukunftstöne,
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Solche Frühlingsouvertüre.
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Doch es wird schon besser kommen:
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Lenzsolisten, Sommersänger,
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Nachtigallentrillerketten,
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Amsellied und Finkenschlag.

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Frühling ward's. Du fühlst bei jedem
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Schritt das fröhliche Ereignis
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Sich an deine Sohlen heften.
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Grundlos werden alle Wege,
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Schlammig vor den Thoren draußen,
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Schlammig in der Stadt. Millionen
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Pfützen, Lachen, kleine Seen
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Spiegeln jedes dir ein Stückchen
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Von dem Frühlingshimmel wieder,
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Der noch weinerlich darein blickt
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Wie ein neugebornes Kindlein
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Bei dem ersten Unbehagen,
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Das ihm diese Welt verursacht.
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Nur Geduld, die Thränen trocknen,
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Und ein erstes sonniges Lächeln
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Kündet Lebensfrühlingsfreude,
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Erste Frühlingslebenslust.

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Frühling ward's. Die Armen künden's.
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Aus den Gängen, aus den Höfen,
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Aus den dumpfen Winterhöhlen
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Kommen sie ans Licht gekrochen,
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Männer schmauchend, Weiber schwatzend,
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Buben raufend, Mädchen tanzend
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Nach dem Klang des Leierkastens.
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Wie die Spatzen, wie die Stare,
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Tummeln sie sich auf den Gassen,
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Vogelpöbel – Menschenpöbel,
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Frühlingskinder, lärmend, schreiend,
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Eine Frühlingssymphonie.

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Frühling ward's. Gewissheit hab' ich.
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An die Thür mir kam er selber,
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Zog die Glocke, dass es fröhlich
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Klang durch meine stille Klause;
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Rief mich fort von meinem Schreibtisch,
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Fort von meinen Frühlingsversen;
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Bot mir Blumen, Frühlingsblumen,
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Schneeglöckchen und erste Veilchen;
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Trug ein einfach Kleid von blauem
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Weißgemusterten Kattun und
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Um den Hals ein loses Tüchlein;
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Trug gescheitelt schlichte blonde
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Haare, ohne Hut noch Häubchen;
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Hatte klare blaue Augen,
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Weiche Wangen, luftgerötet,
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Volle Lippen, jugendfrisch.

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Hielt am Finger mein das Ringlein
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Nicht zurück mich, gar zu gerne
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Wär' ich um den Hals gefallen,
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Ach, dem Frühling, gar zu gerne
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Hätte diese weichen Wangen,
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Diese vollen jungen Lippen
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Ich bedeckt mit meinen Küssen.
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Hatt' ich doch den ganzen langen
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Trüben Winter gar so heftig
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Nach dem Frühling mich gesehnt.
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Und nun durft' ich ihn nicht küssen,
76
Durft' nicht um den Hals ihm fallen,
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Nur des Ringleins wegen nicht.

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Nahm ich da die Frühlingsblumen,
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Weiße Glöckchen, blaue Veilchen,
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Nahm sie schnell entschlossen alle,
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Brachte sie dem lieben Mädchen,
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Das mir einst den Ring gegeben;
83
Warf sie alle in den Schoß ihm,
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Dass es froherschrocken lachte.
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Sah aus, wie der Frühling selber,
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Mit den Blumen in dem Schoße,
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Mit den guten klaren Augen,
88
Mit den Wangen, glückgerötet,
89
Mit den Lippen, liebelächelnd,
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Dass ich um den Hals ihr fiel.

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Frühling ward's. Die weichen Lüfte
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Wehen um die feuchten Dächer,
93
Munter plätschert's in den Rinnen,
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Vor dem Fenster piepst ein Spätzlein
95
Und da draußen lärmen Buben,
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Wilde, laute Kinderlust.

97
»adebar!« so klingt's von unten
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Hell herauf. »Ein Storch! – Noch einer!«
99
Und wir sitzen Wang an Wange,
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Hand in Hand in trauter Zwiesprach,
101
Und im Schoß die ersten Blumen,
102
Und im Herzen unsre Liebe,
103
Unsre junge, junge Liebe.
104
Frühling ward's! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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