Fastnachtsverse wünschen Sie, verehrter Doktor?

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Gustav Falke: Fastnachtsverse wünschen Sie, verehrter Doktor? Titel entspricht 1. Vers(1884)

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Fastnachtsverse wünschen Sie, verehrter Doktor?
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Leider hab ich nichts dergleichen mehr auf Lager,
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Meine Muse, die in diesen Tagen dreimal
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Schon ich darum anging, aber ist ein sprödes,
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Knauseriges Frauenzimmer, voller Launen,
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Wie ja alle Evastöchter, und seit vielen
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Wochen wendet schon die »Himmlische« mir schmollend
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Ihren »hehren« Rücken zu. Was fang ich an jetzt?
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Giebt es Mitleidswerteres als einen Dichter,
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Dem die Muse den berühmten Kuss verweigert?

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Viele zwar von meinen Herrn »Berufskollegen«
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Wissen sich in solchem Falle schon zu trösten
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Und versuchen's kecklich ohne ihre Muse,
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Und die Menge merkt es, beim Apoll, den glatten
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Feinen Versen, die ins Ohr wie Öl ihr träufeln,
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Manchmal nimmer an, dass sie der Herr Verfasser
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»ganz allein« gedichtet, ohne höhere Hülfe.
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Ich doch kann nicht eine einzige Zeile schreiben,
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Wenn die gute Muse mit mir »mault«, und gar noch
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Faschingsverse – nein, dazu bedarf's der ganzen
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Närrisch übermütigen Laune, die mit buntem
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Flitter sich behängt, hinweg zu täuschen klüglich,
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Sich auf Stunden dieses Lebens graues Elend,
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Oder auch bedarf's des grauen Elends selber,
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Aschermittwochstimmung, die in Sack und Asche
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Und mit hängenden Ohren Bußelieder dichtet.
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Beides liegt mir fern. Ganz nüchtern werkeltäglich
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Trott ich meines Lebens immer gleichen Pflichtweg,
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Der mich abseits führt von Maskeradensälen.

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Ach, wie lange schon ist's her, dass mich auch einmal
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Einer Maske klug gewählte Hülle freundlich
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Barg vor meiner lieben Nächsten Späherblicken,
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Dass der weiße, kreuzbestickte Rittermantel,
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Und der kecke Hut mit weithinwallender Feder,
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Und der Degen und die großen Sporenstiefel,
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Diese ganze Heldenmummerei, mich einmal
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Wenige schöne Götterstunden ließ vergessen,
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Dass mit vielen tausend Adamssöhnen sonst ich
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Ohne Rittermantel muss mein Kreuzlein tragen.

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Nun, man trägt es schon. Kommt einmal doch die Stunde,
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Wo auch dieses Kreuz mit anderm, wie entlieh'nes
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Faschingsballkostüm, dem großen Allesleiher
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Wieder wir zurück in die Garderobe liefern.

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Masken! Larven! Ach, wir tragen alle Tage,
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Nicht zum Fasching nur, die wunderlichsten Hüllen.
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Masken! Larven! Bis die Stunde schlägt, Erlösung
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Schlägt? und alle Hüllen fallen. Oder geht es
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Weiter drüben, weiter so in aller, aller
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Ewigkeit? Ein immer neues Mausern? Immer
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Nur ein Kleiderwechseln?
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Aber werter Doktor,
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Welche alte, abgedroschne Kinderfragen
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Stell ich. Sehen Sie, so geht es mir nun, wenn ich
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Ohne den berühmten Musenkuss Episteln
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Schreib, wie jene Afterdichter, jene kleinen
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Flinken Fexen unseres lyrischen Parnasses,
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Die sich ihre lyrische Begeistrung jeweils,
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Wenn nicht anders, holen her aus dem Kalender.

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Darum Schluss denn, keine lahme Zeile weiter.
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Fort vom Schreibtisch, von dem heute sehr missbrauchten,
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An den Flügel. Aufgeschlagen winkt vom Pult mir
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Robert Schumanns immer junges, frühlingshaftes,
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Buntes Faschingssträußchen: »Papillons« benamset.
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Wenn die Finger mit den Tasten Zwiesprach halten:
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Druck und Gegendruck, auf leises Fühlen Antwort,
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Dann vielleicht, dass sachte, von den herzensechten
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Tönen Schumanns angelockt, die Muse hinter
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Meinen Stuhl sich stellt und lauscht, denn Schumann liebt sie,
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Und dass sie zum Lohn hernach vielleicht ein Verschen
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Wieder mir ins Ohr mit ihrem wunderbaren
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Lächeln, wie von einer andern Welt her, flüstert.
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Thut sie's, schreib sofort ich's nieder auf mein bestes
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Weißestes Papier und schick es »eingeschrieben«
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Schleunigst an die Redaktion mit nächster Post.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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