Gold, wenn ich's hätte

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Gustav Falke: Gold, wenn ich's hätte Titel entspricht 1. Vers(1884)

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Gold, wenn ich's hätte,
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Das große Los!
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Ob ich mir ein Reitpferd hielte?
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Einen Viererzug?
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Ob ich mir ein Rittergut kaufte?
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Vielleicht gründete ich ein Asyl
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Für verarmte Börsianer
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Oder invalide Rennpferde,
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Vielleicht kaufte ich Schopenhauers
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Gesammelte Werke.
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Ich thäte noch viel mehr,
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Schöneres, Edleres:
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Ich rauchte eine bessere Cigarre,
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Und gäbe meiner Frau
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Hundert Mark,
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Tausend Mark Wochengeld.
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Vielleicht auch hielt' ich eine zweite Frau,
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Ein kleiner Pascha,
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In jedem Stadtviertel eine.
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Vor allem aber
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Würde fromm ich, sehr fromm,
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Und ließe für Sankt Marien
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Ein Altarbild malen:
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Christus,
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Die Schächer zum Tempel hinausjagend.
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Aber ein Realist sollt' es malen,
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So einer mit großen, wahren Augen,
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Der die Dinge sieht, wie sie sind,
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Ohne Heiligenschein.
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Christus,
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Mit dem heiligen Feuer des Zornes,
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Verachtung im edlen Antlitz,
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Das derbe Tau in der strafenden Hand,
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Und vor ihm geduckt,
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Zitternd, stolpernd, fluchend, greinend,
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In Kaftan und Frack,
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Schmierig außen und innen,
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Oder nur innen,
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Und außen parfümiert und geschniegelt,
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Alle die edlen Seelen,
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Die hundert Prozent nehmen;
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Die Kaffeeschwindler mit scheinehrlichem Gesicht;
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Die Buttermanscher mit den angesehenen Bäuchen;
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Die Gotteswortfälscher
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Mit den gleichfalls angesehenen Bäuchen,
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Und noch viele andere.
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Und einige Leute,
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Die ich besonders hasse,
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Die sollten mir ganz vorne abkonterfeit werden,
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Ganz so ehrlich, tugendhaft,
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Mit Pharisäerlächeln,
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Wie ich täglich sie sehe.
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Aber das Genie meines Realisten
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Ereilte sie mit heiliger Vergeltung,
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Und durch Farbe und Lack,
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Durch Dünkel und Lächeln
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Grinste ihr hohles Nichts,
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Deutlich,
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Man könnte es mit Händen greifen.
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Gold wenn ich's hätte,
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Das große Los.
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Kein Reitpferd, keine Maitresse.
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Kein Asyl
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Für Opfer unserer modernen Wirtschaftsordnung,
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Freiheit, weite gold'ne Freiheit.
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Fort! irgendwohin,
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Nur fort!
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In die Einsamkeit?
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In die Haide?
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Oder aufs Weltmeer hinaus
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Auf wiegender Planke?
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Oder durch die stille,
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Herzüberschauernde Wüste
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Auf stelzendem Kamel?
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Freiheit. Welt. Nur fort.
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O, der kleine lächelnde Jude,
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Den ich neulich auf der Pferdebahn traf,
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Wie ich ihn beneide,
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Diesen kleinen schmunzelnden Israeliten,
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Der Konstantinopel gesehen hatte,
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Rossschweife, Harems, das goldne Horn,
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Und andere Hörner.
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Wie ward das Herz mir groß
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Bei seinem Erzählen.
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Und er war nur ein Kaufmann,
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Reiste vielleicht
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Mit wollenen Unterhosen,
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Patentierte Jäger,
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Oder mit Wiener Schuhwaren,
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Und ich, ich bin ein Dichter
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Und würde mit meiner Muse reisen.
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O, meine Muse.
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Neulich noch schalt sie mich,
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Dass ich sie versauern ließe,
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Stubenhockerisch.
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Sie hätte keine Lust,
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Eine alte Hutzel zu werden.
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Sie bedürfe Bewegung,
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Luftveränderung,
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Zerstreuung,
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Nahrung.
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Von Hamburger Rauchfleisch allein
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Könnte sie nicht leben.

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O, meine Muse,
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Ich weiß,
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Du bist schlecht daran,
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Sehr schlecht.
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Dir fehlt es am Nötigsten
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Zu deiner Entwicklung,
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Du wirst ewig
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Bleichsüchtig bleiben
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In der stickigen Stadtluft,
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In der Misere
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Des täglichen Lebens.
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Glaube, das Herz thut mir weh darob,
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Aber ich kann dir nicht helfen.
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Gold, wenn ich's hätte,
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Das große Los.
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Ja, wollt' ich dich halten.
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Herrlich solltest du sein,
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Eine Fürstin,
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Getränkt mit dem Nektar der Freiheit,
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Gespeist mit dem Brot der Freiheit,
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Groß, heiter.
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Wie es Göttern geziemt und Göttinnen,
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Gingst du mit Siegesschritten, Tanzschritten,
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Über Länder,
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Über Meere,
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Brächest Rosen
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Aus dem glutflammenden Nordlicht
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Und schöpftest Diamanten
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Mit hohler Hand
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Aus den flimmernden Feldern
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Des Südpols.
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Aus den Tiefen der Meere
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Drängten sich jauchzend
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Die Wunderwesen entgegen dir,
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Tritonen und Nereiden,
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Und lachend,
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Dass es widerhallte durch alle Himmel
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Neigten aus Sternenhöhen
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Selige Scharen sich
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Entgegen der Schwester.

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O, meine Muse.
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Ich bin nur ein armer,
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Stundenlaufender Klavierlehrer,
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Verheiratet,
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Ohne Vermögen,
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Und bitter büße
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Den Übermut ich,
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Dass ich mir den Luxus gestatte,
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Mir eine Muse zu halten,
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Die ich nicht ernähren kann,
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Nicht standesgemäß ernähren kann,
155
Wie es sich für Musen gehört.
156
Nun welkst du hin,
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Blutarm,
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Und kränkelst in Sehnsucht
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Und Heimweh.

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O, meine Muse,
161
Gold, wenn ich's hätte,
162
Das große Los.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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