Zufriedene Stunde. Durch die offne Thür

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Gustav Falke: Zufriedene Stunde. Durch die offne Thür Titel entspricht 1. Vers(1884)

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Zufriedene Stunde. Durch die offne Thür
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Kommt vom Balkon die milde weiche Luft
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Des niedergehenden Septembertages
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Und, minder mild, der Lärm der Straße: Kreischen
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Von Knaben, die sich balgen; helle Stimmen
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Der kleinen Mädchen, Ringelreihe tanzend;
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Das scharfe Kleffen meines Nachbarhündchens
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Und dann und wann der tiefe Polterbass
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Des Milchmannshundes. Auch das Läuten trägt
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Der Pferdebahn zu mir der schnelle Schall,
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Und, dumpfer, von der nahen Alster her
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Den kläglich heisern Ton der kleinen Dampfer.

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Zufriedene Stunde. Auf den Knieen das Buch,
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»jenseits von Gut und Böse« nennt der Vater
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Sein wundersames Kind der Einsamkeit,
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So auf den Knien das aufgeschlagene Buch,
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Lass' ich den wirren Klang des Lebens lächelnd
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Die zarten schüchternen Gedanken mir
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Zurück ins dunkle Nest der Seele scheuchen.

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Zufriedene Stunde. War ich je so fröhlich,
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So herzensstill, so gütig? Oftmals schon
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Schlug ich die Thür mit leisem Fluche zu,
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Wenn so von draußen mit der plumpen Faust
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Der wüste, rohe Lärm des Tages griff
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In meine zarten feinen Seelenfäden,
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Das kaum begonnene Gespinst zerstörend.
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Doch heute kann ich's lächelnd dulden. Seltsam.

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Zufriedene Stunde. Ohn' warum, wozu.
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Du dreimal Glücklicher, dem jeder Tag
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Bringt solche Stunde, solche Stunden wohl.
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Und giebt's nicht Glückliche, die immer so,
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So fraglos, leben hin ihr ganzes Leben?
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Ein wirrer Ton, ein unbestimmter Klang
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In all den wirren, unbestimmten Klängen
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Der wundersamen Lebenssymphonie,
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Füllstimmen nur im wuchtig lauten Tutti.

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Zufriedene Stunde. Oder nicht? Ist Schlaf
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Nur diese Stille, diese satte Stimmung,
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Die wunsch- und fragelose? Wie? Nicht Glück?
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Nicht Glück für mich? Wenn sich dem wirren Lärm
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Nun hell und klar, wie rieselnd Gold, entringen
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Die zauberhaften Solostimmen wieder,
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Die feinen kirrenden Zauberflötentöne?
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Und in dem stillen dunklen Rattennest,
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Das meine Seele nenn' ich, wird's lebendig
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Und läuft und springt und drängt und pfaucht und pfeift?
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Nein! tutti tutti! forte! con fuoco!
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Recht brausend, lärmend, alles übertäubend!
49
Bum bum! tam tam! Nicht diese zarten, feinen
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Geheimnisvollen Rattenfängersoli.

51
Zufriedene Stunde, stille, satte Stunde!
52
Ganz ohne Wunsch die eingelullte Seele,
53
So ruhefroh, so flach, so unbewegt –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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