Ganz ohne Anlass kommt Erinnerung

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Gustav Falke: Ganz ohne Anlass kommt Erinnerung Titel entspricht 1. Vers(1884)

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Ganz ohne Anlass kommt Erinnerung,
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Wie aus des Himmels weitem, leerem Blau
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Verschämt ein rosig Sommerwölkchen taucht:

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Still lag der Wald, still lagen Feld und Weg,
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Darüber schon sein Sternentuch der Abend
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Von einem Ende bis zum andern spannte.
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Kein Hauch, kein Laut. Nur aus der Ferne manchmal,
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Weit hinter uns, das ganz gedämpfte Lachen
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Zurückgebliebener trunkener Genossen.
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Zwei, drei der Pärchen vor uns, weit voraus,
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Denn eine schmale, schwarze Wetterwand
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Am Horizont trieb Ängstliche zur Eile.
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Und wir allein so zwischen Wald und Feld
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Und schweigsam wie das Schweigen um uns her.

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Da murrte leise übers Feld, ganz leise
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Der erste Donner und erschrocken schmiegtest
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Du näher dich mit sanftem Druck mir an.
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Und wie ein Zittern lief's von deinem Arm
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In meinen über, und mein Herz schlug schneller.

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Und wieder übers Feld das leise Murren,
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Ein kurzer Blick, halb schreckhaft, halb verschämt
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So voller rührend scheuer Kinderangst
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Traf mich aus deinen großen blauen Augen
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Und fragte deutlich: Find' ich Schutz bei dir?

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»so ängstlich, Fräulein?« neckte ich und drückte
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Wie zur Beruhigung die kleine Hand
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Und hielt sie fest, und spielte mit den Fingern
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Und fühlte durch den Seidenzwirn des Handschuhs
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Das warme, junge warme Leben pulsen.

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Und wieder übers Feld ein Murren, lauter
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Und länger wie zuvor, und wieder drauf
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Dein sanftes taubenscheues Anmichschmiegen.

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War's die Gewissheit eines leichten Sieges?
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Weit breitete die Leidenschaft auf einmal
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Die starken Schwingen, und ein Falke stand
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Sekunden sie, ganz Auge, ganz Begierde,
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Stoßsicher über ihrem scheuen Opfer.

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Da brach in jähem flirrendem Zickzacklauf
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Der erste Blitz aus seiner dunklen Burg.
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Erschrocken sank mir der erhobene Arm,
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Der schulternah zum Kuss dich schon umfasste.
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Die ersten schweren, großen Tropfen fielen,
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Und hinter uns in Eile nahten sich
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Die aufgeschreckten trunkenen Genossen
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Und mischten ihr Gejohle in das Grollen
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Des Donners, der im Walde fern erstarb. –

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Ohn' Anlass kam mir die Erinnerung,
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Wie aus des Himmels weitem leerem Blau
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Verschämt ein rosig Sommerwölkchen taucht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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